Christiane Haas: Fremdscham

Christiane Haas: Fremdscham

Brigitte Huber

Das Fremde, die Medien und das Fremdschämen

Fremdschämen. Wortart: schwaches Verb. Gebrauch: umgangssprachlich. Bedeutung: sich stellvertretend für andere, für deren als peinlich empfundenes Auftreten schämen. Der Begriff wurde 2009 in den Duden aufgenommen und 2010 in Österreich zum Wort des Jahres gekürt. Doch nicht nur das Wort, auch das Phänomen hat eine steile Karriere gemacht. Nicht wenige treffen sich mittlerweile gezielt zum gemeinsamen Fremdschämen vor dem Fernseher. Ob DSDS, GNTM oder Berlin Tag und Nacht – Gelegenheiten dazu gibt es viele. Die Kommunikationswissenschaftlerin Brigitte Huber hat sich das deshalb genauer angeschaut, das Fremde und das Schämen und die Medien – und wie die drei zusammenhängen.

 

Als Kommunikationswissenschaftlerin interessiert mich das Fremde natürlich besonders im Zusammenhang mit Medien. Das Fremde spielt in den Medien in unterschiedlichen Kontexten eine Rolle, wie etwa das Fremde im Sinne des Exotischen im Reisejournalismus oder die Fremdheit als Thema in der Berichterstattung über Migranten. Dazu gäbe es viele Fragen: Wie rassistisch ist die Berichterstattung in unseren Medien? Und wie gestaltet sich eine politisch korrekte Berichterstattung? Ist die Verwendung des Wortes Migranten in der Berichterstattung ok? Und wie nehmen eigentlich die Leser die Berichterstattung wahr? Nur so viel: Die Medien prägen wesentlich unsere Vorstellung von der Welt. So hat beispielsweise Florian Arendt von der Universität Wien die Berichterstattung der österreichischen Boulevardzeitung Kronen Zeitung untersucht und festgestellt, dass Personen aus dem Ausland als tatverdächtige Personen in der Berichterstattung überrepräsentiert werden. Welchen Einfluss hat das auf die Leser? Auch dieser Frage ist Florian Arendt nachgegangen und hat herausgefunden, dass jene Personen, welche die Kronen Zeitung häufiger lesen, den Anteil von Personen aus dem Ausland im Kreis der Tatverdächtigen überschätzen. Das sollte zu denken geben. Ebenfalls problematisch ist, dass in Österreich in den Redaktionen der meisten Medien nur wenige Personen „mit Migrationshintergrund” sitzen. So hat Petra Herczeg von der Universität Wien im Zuge einer Befragung unter österreichischen Chefredakteuren erhoben, dass 55,8 Prozent der befragten Medien keine Journalisten mit Migrationshintergrund beschäftigen. Dazu hält die österreichische Tageszeitung Der Standard, die über diese Studie berichtete, treffend fest: „Migrationsbiografien befähigen nicht a priori dazu, besser oder anders über Themen des Zusammenlebens zu berichten. Diversität kann aber bisher nicht da gewesene Sichtweisen begünstigen.” Hier täte also mehr Vielfalt, hier täten unterschiedliche Perspektiven gut.

Ich will nun noch eine zweite Assoziation zum Thema „Medien und das Fremde” aufgreifen, die nicht ganz so ernst ist: das sog. Fremdschämen. Jeder kennt diese Situation: Man schaut sich im Fernsehen – natürlich mit einer ironischen Haltung – eine der einschlägigen Sendungen an und schämt sich für die peinlichen Auftritte so mancher Protagonisten: schiefe Töne bei DSDS, Hodenessen im Dschungelcamp, tiefe Sprüche bei Wir leben im Gemeindebau, der ganz normale Wahnsinn bei Die Lugners (quasi der Inbegriff des Fremdschämens, aber derzeit leider keine neuen Folgen) oder Gelalle und Getorkel bei Saturday Night Fever: Das deutsche und das österreichische Privatfernsehen bieten Material zum Fremdschämen en masse. Und das Fremdschämen boomt. Das Wort Fremdschämen wurde 2010 in Österreich zum Wort des Jahres gekürt und kehrt aktuell dank Frank Stronach in etwas abgewandelter Form als Wort des Jahres 2013 zurück, nämlich als „Frankschämen” (sprich „Fränkschämen”). Die Jurybegründung: „Es beschreibt in treffender Kürze das Befremden vieler Bürger über das Verhalten eines spätberufenen Parteigründers bei seinen öffentlichen Auftritten.” Auch Politiker bergen durchaus Fremdschäm-Potential.

Was passiert, wenn wir uns fremdschämen, damit haben sich Dr. Sören Krach und Frieder Paulus von der Philipps-Universität Marburg beschäftigt. Das interessante Ergebnis der Studie: Wenn wir uns für andere schämen, sind vergleichbare Gehirnareale aktiv, wie wenn wir den Schmerz anderer nachempfinden. Und so mancher peinliche Auftritt im TV schmerzt ja beinahe wirklich, man kann oft gar nicht mehr hinschauen. Auch die Universität Duisburg-Essen widmet sich im Rahmen eines eigenen Forschungsschwerpunktes dem Thema Fremdschämen. Der Homepage der Universität sind bereits erste spannende Ergebnisse zu entnehmen, etwa dass die Mehrheit der Personen ähnliche Assoziationen mit dem Begriff des Fremdschämens verbindet. Auch die Ursachen wurden erforscht: „Die Gründe von Fremdscham sind vor allem Mitgefühl (z.B. wenn die Personen nicht besonders intelligent sind, wenn die Personen nicht merken, dass sie sich blamieren), Identifikation (z.B. weil ich selber in deren Situation sein könnte) und Interesse (z.B. weil ich genieße dabei zuzusehen).” Dabei wurden Unterschiede gefunden: Wenn den Zuschauern Videoausschnitte mit Nicht-Prominenten gezeigt wurden, schämten sich die Zuschauer stärker fremd als bei Videoausschnitten mit Prominenten. Wenn man sich die Formate im TV anschaut, wimmelt es nur so von Nicht-Prominenten in peinlichen Situationen. Unserer Lust am Fremdschämen können wir also freien Lauf lassen. Oder nicht? Jein. Es ist lustig, aber ... Bei aller Freude am Fremdschämen sollten wir nicht vergessen, dass nicht allen Protagonisten bewusst ist, dass sie im Fernsehen vorgeführt werden und dass man sich unter Umständen über sie lustig macht. Den Produzenten ist das natürlich sehr wohl bewusst – davon leben diese Formate. Und wenn wir diese TV-Formate konsumieren, unterstützen wir diesen Mechanismus.

 

Vita:

Brigitte Huber ist Kommunikationswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Journalismusforschung. Sie ist in Südtirol aufgewachsen, studierte in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und arbeitet derzeit in München.

Christiane Haas studierte Kommunikationsdesign in Darmstadt. 2013 veröffentlichte sie das Illustrationsbuch Ich bin etwas komplett Neues- Eine Sammlung von Dingen, die mich Fanden beim Hermann Schmidt Verlag. Jetzt lebt und arbeitet sie in Leipzig. (Web: www.christianehaas.de Blog: www.christianehaas.wordpress.com)