.

.

„Das Wichtigste ist ein Verständnis dafür, was passiert ist"

Die Friedens- und Konfliktforscherin Heela Najibullah war zehn, als ihr Vater Präsident von Afghanistan wurde. Das hat ihr Verständnis von Freiheit nachhaltig geprägt. Im Gespräch mit 39NULL erzählt sie, welche Möglichkeiten sie für ihr Heimatland sieht, sich von seinen Kriegstraumata zu lösen.

In Afghanistan herrscht inzwischen seit 40 Jahren Krieg. Das Land verfügt über Ölreserven und liegt wie eine Pufferzone zwischen den Großmächten des Ostens und des Westens. Demnach ist es seit jeher umkämpft und ist nach wie vor finanziell und politisch abhängig. Heela Najibullahs Vater Mohammad Najibullah versuchte als Staatspräsident von Afghanistan zwischen 1986 und 1992, zum Ende des Kalten Krieges, vergeblich, das Land zu befrieden, bevor die Sowjetunion ihre Truppen abzog und ein Bürgerkrieg ausbrach. Aufgrund seiner früheren Geheimdienst-Tätigkeit war er umstritten und wurde 1996 von den Taliban gehängt. Das hat das Leben seiner Tochter sehr geprägt. Heute sind die Außenmächte wieder kurz davor, sich zurückziehen. Heela Najibullah findet, diese sollten vorher einen Raum für sichere Kommunikation herstellen. Über Traumata – persönliche wie kollektive – zu sprechen und den Schmerz zu teilen, ist für sie der zentrale Aspekt von Versöhnungsprozessen, und damit der Weg in eine neue Freiheit.

39NULL: Du bist von 1980 bis 1992 in Afghanistan aufgewachsen, als das Land radikale Veränderungen durchmachte. War dir als Kind bewusst, wie turbulent diese Zeiten waren?

Najibullah: Als ich zum ersten Mal Schüsse hörte, war ich drei Jahre alt und je älter ich wurde, desto brutaler wurde es. Nach einer Explosion, die eine meiner Lehrerinnen tötete, brachte man uns bei, dass wir keine Puppen oder Kugelschreiber aufheben durften, und sie zeigten uns, wo Minen vergraben sein könnten. In der vierten Klasse verlor ich einen Mitschüler durch eine Streubombe. Während ich über den Tod meiner Lehrerin noch jede Einzelheit herauszufinden versuchte, wollte ich nun nichts mehr hören. Er war nicht mehr da, okay, so war es eben. Das wurde meine Art, mit den Dingen umzugehen.

39NULL: Hast du verstanden, wie sich die Grenzen der Freiheit für dich verschoben haben?

Najibullah: Die Routine wurde bewahrt, bis mein Vater Präsident wurde. Das war der Wendepunkt. Wir zogen in den Präsidentensitz. Wenn wir drei Schwestern woanders zu Besuch waren, durften wir nur noch drinnen spielen, weil es draußen zu gefährlich war. Ich hasste es. Als die Sowjets gingen, wurde es noch schlimmer. Man baute Betonmauern um unser Haus. Zu dem Zeitpunkt habe ich mir gewünscht, dass alles wieder normal wäre. Meinen Vater habe ich damals gefragt, ob er nicht einfach sagen könne, dass er jetzt nicht mehr in der Politik arbeitet.

39NULL: Was hat er geantwortet?

Najibullah: Er sagte, wenn der Frieden gekommen wäre, würde er sich einige Monate frei nehmen und uns nach Italien, Griechenland und Spanien bringen. In diese Länder wollte er selbst reisen. Aber das ist nie passiert.

39NULL: Spätestens da hattest du wahrscheinlich verstanden, dass dir essenzielle Freiheiten verwehrt bleiben. Einerseits warst du ein privilegiertes Kind, aber gleichzeitig lebte deine Familie im Epizentrum der Gewalt und politischer Umwälzungen.

Najibullah: Seit mein Vater Präsident war, gab es so etwas wie eine Idee von Freiheit nicht mehr. Wir gingen zwar in ein normales öffentliches Krankenhaus, aber wenn etwas Gravierendes gewesen wäre, wären wir zur besseren Behandlung ins Ausland gebracht worden. Ich spürte irgendwann, dass andere Kinder nicht mehr offen mit mir sprachen, und konnte sie auch nicht fragen, was sie über mich dachten, weil ich ständig zweifelte, wie ich mich richtig zu verhalten hatte. Mir wurde immer gesagt, dass ich Kind wie jedes andere sei. Heute verstehe ich das, aber damals fühlte ich mich, als hätte ich ein schweres Gewicht zu tragen. Das war eine enorme Einschränkung.

39NULL: Wusstest du überhaupt, gegen wen dein Vater kämpfte?

Najibullah: Erst als er ermordet wurde. Das waren die sogenannten Terroristen, ja. Man sagte, sie hätten lange Bärte und würden oben in den Bergen leben und Raketen abschießen und dass die USA und Pakistan sie unterstützten. Aber mein Vater hatte auch einen Bart, war er deshalb der Feind? Es gab so viele Stereotypen. Als die Sowjets abzogen, wurde der Krieg schlimmer und weitete sich auf andere Provinzen aus. Mein Vater verhandelte mit dem Armeechef, sendete Soldaten, aß nicht mehr richtig. Ständig ging es darum, dass Menschen kämpften und starben. Die Raketenangriffe wurden häufiger, nun flogen statt fünf manchmal 50 Bomben täglich, bis sogar monatelang der Unterricht ausfiel. Zu Hause zogen wir ins Erdgeschoss, um vor Angriffen besser geschützt zu sein.

39NULL: Heute forschst du über Konfliktsituationen und engagierst dich in Friedensprozessen. Wie bewertest du den Einfluss des Westens auf Afghanistan? Was läuft richtig und was falsch?

Najibullah: Was in Afghanistan passiert, ist an die Situation im Kalten Krieg gekoppelt. Die ganze Bewegung des Jihad ist in dieser Ära entstanden, und zwar mit der Unterstützung der USA und der Saudis für die Mujaheddin und andere Gruppen, die zu der Zeit gegen den Staat und die Regierung gekämpft haben. Heute haben wir immer noch eine ähnliche Situation, nur mit anderen Beteiligten. Und ich denke, dabei gibt es ein Hauptproblem: Dieser globale Krieg gegen den Terror ist nicht klar definiert. Die Taliban wurden zuerst ganz beseitigt, jetzt sind sie zurück und haben freie Hand. Das bringt neue Probleme. Gerechtigkeit und Versöhnung müssen eine Rolle spielen und nicht nur ein Deal, der 2001 geschlossen wurde und jetzt stagniert. Was auch immer der Westen in den letzten 20 Jahren getan hat, muss gründlich untersucht werden und es muss garantiert werden, dass der Friedensprozess diesmal inklusiver ist und dass er Menschen aus allen sozialen und politischen Teilen des Landes einschließt.

39NULL: Das heißt, die Außenmächte sollten nicht nur mit den politischen Oberhäuptern verhandeln?

Najibullah: Alle Menschen in diesem Land haben 40 Jahre lang gelitten, nicht nur die Eliten. Doch statt den Menschen, die beispielsweise auf den Dörfern wohnen, zuzuhören, wird über Terrorismusbekämpfung gesprochen und der Truppenabzug verhandelt. An diesem äußerst kritischen Punkt müsste man umsichtiger sein. Einfach nur einen Deal zu machen, kann ein Fehler sein, der womöglich zurück in den Bürgerkrieg führt.

39NULL: Wenn alle Verbrechen auf den Tisch kommen, werden oft lebenslange Gefängnisstrafen verhängt. Gehört Bestrafung zu Versöhnungsprozessen?

Najibullah: Ich glaube an Übergangsjustiz, Wahrheitskommissionen und Entschädigungen. Menschen müssen zusammenkommen, um darüber zu sprechen, welche Entschädigung sie wollen, ob sie die Wahrheit herausfinden wollen oder dass Gerechtigkeit geübt wird. Danach rufen momentan alle, weil in den letzten 18 Jahren in Afghanistan eine Kultur der Straflosigkeit geherrscht hat. Ich würde eher einen kompetenten Täter- und Opferausgleich befürworten, um den Kreislauf der Gewalt zu beenden, verstehe aber den Frust. Momentan will ich eine Befragung mit der Zivilgesellschaft organisieren, um zu prüfen, ob die Menschen bereit wären, eine Wahrheitskommission zu bilden. Aber meine Bemühungen können nur auf reiner Forschungsbasis funktionieren. So etwas muss als institutioneller Versuchsaufbau angelegt sein. Es ist wichtig, dass Länder wie Deutschland beziehungsweise die EU dafür einen Rahmen schaffen.

39NULL: Wenn das einzige Thema in einer Gesellschaft seit 40 Jahren der Krieg ist, braucht ein Land dann nicht auch positive Narrative?

Najibullah: Wenn eine Gesellschaft im Krieg lange gelitten hat und abgestumpft ist, weil sie nicht gehört wurde, müssen die Menschen sich zuerst von dem, was passiert ist, freimachen können. Das Wichtigste ist ein Verständnis dafür, was passiert ist, deswegen müssen wir fähig sein, einander zuzuhören. Wenn du Schmerzen hast, dann musst du durch diese Schmerzen durch, da gibt es keinen Ausweg. Und das ist ein Prozess.

Das Interview führte Katharina Rahn.