Foto: Maria Gapp

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Vom Bleiben oder Gehen – eine Betrachtung über Bewegung und Stillstand

Die Geburt der Gegenwart

Drei Kühe, den Hof und den Namen für die Freiheit. Die Freiheit im Denken, im Handeln, im Leben. Damals und heute, daheim und überall. Ein Plädoyer für das Ankommen in der Gegenwart von Hans Karl Peterlini.

Wer bleibt, kann immer noch gehen, wer geht, kann wiederkommen, wer wiederkommt, kann wieder gehen; aber meist bleiben jene, die bleiben, gehen jene, die gehen, kommen jene wieder, die wiederkommen. So haftet dem Gehen, Bleiben und Wiederkommen ein Stillstand an, als gäbe es kein Weggehen und kein Wiederkommen, sondern nur das Bleiben: im Weggehen, im Wiederkommen und im Bleiben sowieso. Das einzige Entkommen, das es aus allen drei zu geben scheint, ist nicht das Gehen, nicht das Bleiben, nicht das Wiederkommen, sondern das Ankommen: Wer ankommt, kann bleiben oder wieder gehen und gegebenenfalls auch wiederkommen, er ist sesshaft in der Bewegung und nomadenhaft im Innehalten. Das Ankommen ereignet sich dort, wo eine Bewegung ans Ende kommt und die nächste beginnt, es ist ein sich einlassendes Bleiben, ein zielstrebiges Weitergehen, ein nachdenkliches Umkehren, ein bewusstes Heimkehren. Das Ankommen ist nicht rückwärtsgewandt wie das Heimkehren, es ist nicht in die unbekannte Zukunft geworfen wie das Weggehen, es ist nicht ein Verharren wie das Bleiben, es ist die Begegnung mit der Gegenwart, die nun beginnt und gestaltet werden kann: Das Ankommen öffnet das Leben für das Handeln. Ankommen können wir jederzeit und überall: dort, wo wir bleiben, da, wohin wir uns im Weggehen ausrichten, und da, wohin wir zurückkommen. Das Ankommen ist eine Entscheidung für die jeweilige Gegenwart.

Von den vielen Geschichten über den immerwährenden Freiheitskampf, aus denen die politische Mythologie Tirols und Südtirols geflochten ist, wurde jüngst eine hierzulande eher randläufige Erzählung aus Vergessenheit und Verdrängung neu in Erinnerung gerufen: die Geschichte des Tirolers Max Bair, der 1937 seine drei Kühe verkaufte, um in den spanischen Bürgerkrieg zu ziehen, von einem kargen und sozial unwirtlichen Bergdorf im Tiroler Wipptal hinaus an eine Front, wo im Kampf gegen Francos Faschismus die Hoffnung auf eine neue Welt lockte, ein Weggehen als radikaler Bruch, das Joachim Gatterer in seiner Neuinterpretation von Bairs Leben zur Aussage verleitete, „für mich ist Bair der größte Held der Tiroler Geschichte“.[1]

In die Vergangenheit gespiegelt, fällt der Satz wie ein grelles Gegenlicht auf jenen Kampf von 1809, in dem der Tiroler Freiheitsmythos am stärksten verdichtet ist, auf den Kampf von Andreas Hofer gegen die bayrisch-napoleonischen Heere einer – gewaltsam auftretenden und dynastisch feindlich uniformierten – Aufklärung. Bauern und Knechte verließen Höfe, Frauen, Kinder und zogen fort an die Fronten im eigenen Land, sie zogen gewissermaßen weg, indem sie blieben und auf das Bleiben bestanden – in ihrer Kultur, in ihrer Tradition, in ihrem Glauben, in ihrer Art, so zu sein, wie sie waren. Im Kampf zwischen Alt und Neu, zwischen Bekanntem und Unbekanntem, Vertrautem und Fremdem entschieden sie sich für ihr Weltbild der Dreifaltigkeit von Gott, Kaiser und Vaterland.[2] Ihr Bleiben war räumlich und ideell zugleich: Sie blieben in ihrem Land und in der Vorstellung, die sie sich davon gemacht hatten, Orte und Werte verschmolzen in einer ebenso verinnerlichten wie existenziell erlebten „Heimat“.[3]

Die Erhebung des kommunistischen Bauern Max Bair zum größten Helden unserer Geschichte könnte aber auch eine noch weiter zurückliegende Vergangenheit aufhellen, die auf der Schattenseite des Tiroler Mythos liegt: Wie Max Bair, der sich mit einem Linzer Steinbrucharbeiter angefreundet hatte, waren schon um 1525 Tiroler Bauern und Bergwerksleute durch Gastarbeiter mit neuen Ideen in Verbindung gekommen. Der Protestantismus und seine sozialen Beimischungen erschütterten den Glauben an kirchliche und weltliche Autoritäten, ermutigten zum Aufstand. Auch diese Aufständischen kämpften wie Andreas Hofer im eigenen Land und ums eigene Land, anders als dieser kämpfen sie aber nicht für die Bewahrung, sondern für die Veränderung der Verhältnisse, nicht gegen einen von außen kommenden Feind, sondern gegen die eigenen Obrigkeiten. Sie fühlten sich Gott gegenüber freier durch die neue Konfession, von der sozialen Idee ermächtigt zur Ablehnung seiner kirchlichen und kaiserlichen Stellvertreter auf Erden; sie begannen Heimat und Vaterland neu zu verstehen als eigene Lebenswelt mit ureigenen Lebensrechten. So geht dem Bauernaufstand um Michael Gaismair eine Entscheidung für das Ankommen voraus: da, wo sie waren, die Welt neu zu gestalten, die Dinge in die Hand zu nehmen, die Vision zu wagen, entsprechend Martin Heideggers paradoxer Forderung, auf den Boden zu springen, auf dem sie schon standen. In Gaismair Flucht, Rückkehr, Niederlage, Exil und Planung neuer Rückkehr findet sich das Bleiben, das Wegziehen und das Wiederkommen, aufgehalten erst durch seine Ermordung in der Ferne.

Die drei Geschichten des Kampfes um Freiheit durch Aufbruch und Wegziehen ins Neue (Max Bair), durch Verharren und Beharren im Alten (Andreas Hofer), durch Ankommen in der eigenen Gegenwart (Michael Gaismair) können als historische Folie für das Bleiben, Wegziehen, Heimkehren und Ankommen in vielerlei Zeit, unter vielerlei Umständen dienen. Die Begeisterung, mit der die Tiroler 1914 in den Weltkrieg aufbrechen, um an fernen Fronten zu kämpfen, ist eine Geschichte des Wegziehens ins Neue, um im Alten verharren zu können – im Weltbild von Gott, Kaiser und Vaterland. Die Standschützen, die 1915 an der durch den Kriegseintritt Italiens entstandenen Gebirgsfront im Süden Stellung beziehen, bleiben im Land, um auch gedanklich im Alten und Vertrauten bleiben zu können. Die Welschtiroler Irredentisten, die über die Grenze gehen und sich zum italienischen Heer melden, ziehen fort in einen Kampf gegen das Alte, in der Hoffnung auf eine neue Welt, hinter der – als das erhoffte sozialistische Italien faschistisch wird – sich doch wieder das Alte in verzerrter Gestalt verbirgt. 1939 wollen die Südtiroler fast geschlossen aufbrechen in die neue Heimat im Reich, die aber genauso sein sollte wie die zu verlassende Heimat, ein Aufbruch ins Bleiben, während jene, die bleiben wollen, als Verräter der Heimat gebrandmarkt werden, weil Heimat im NS-Terror als blinder und gehorsamer Nationalismus missverstanden wird.

Viele Deutschland-Optanten bleiben am Ende einfach da, weil es die Kriegswirrnisse erlauben, sie können so tun, als wären sie auch gedanklich nie weggezogen, verlieren ihren Besitz nicht, legen selten das schlechte Gewissen ab gegenüber jenen, die sich bewusst fürs Bleiben entschieden hatten. Diese aber, die Dableiber, werden zu Feinden im eigenen Land, als auch in Südtirol die Nazis einmarschieren und das Neue verkünden, das auch in diesem Fall wieder nur das Alte in hässlicher Verzerrung ist. Und viele, die tatsächlich weggezogen sind, finden nicht Heimat, sondern Fremdheit, kommen nicht an, wohin sie gezogen sind, kehren zurück und kommen vielfach wieder nicht an, denn nun sind sie auch Fremde daheim. Es ist kein Verlass auf die Geschichten des Wegziehens, des Bleibens, des Heimkehrens, denn letztlich geht es immer darum, ob man auch ankommt, die Entscheidung für das Ankommen trifft.

Max Bair lebt in den Jahren vor der Option jenseits der Grenze, in jenem Teil Tirols, der gewissermaßen „geblieben“ ist, wo Tirol immer war – bei Österreich, wo aber trotzdem alles anders geworden ist: der Kaiser gestürzt, der Glaube erschüttert, die Hoffnung in wirtschaftlicher Misere versickert. Die fremden Arbeiter vom nahen Steinbruch, die Bair vom Kommunismus erzählen, wecken seine Hoffnung auf eine neue Welt; dass Egon Erwin Kisch bei seiner Frontberichterstattung in Spanien den seltsamen Brigadisten kennenlernt und literarisch verewigt, wird Teil seiner Geschichte, macht ihn populär, eröffnet ihm größere, ungeahnte Welten. Er wird Funktionär der Kommunistischen Partei Österreichs, erfährt Ausgrenzung, wird in eine skurrile Agentengeschichte verwickelt, wechselt Namen, geht in die DDR, wird Funktionär der Staatlichen Planungskommission. Erst im hohen Alter beginnt er die Geschichte des österreichischen Widerstandes aufzuarbeiten und sich an Studien der KPÖ zu beteiligen, kehrt also gedanklich an jene Zwischenstation zurück, wo er seinen Namen abgelegt hatte. Er lebt „in zwei Welten“[4]. Die Verbindung zu seiner dritten Welt in Tirol, die seine erste war, sucht er nicht mehr, er hatte sie schon nach der Rückkehr vom Krieg durch den Verkauf seines Hofs endgültig gekappt.
Weggezogen ist Max Bair zweifellos, aufgebrochen in eine neue Welt mit neuen Orten und neuen Werten; für Joachim Gatterer ist dieses physische und „geistige“ Weggehen ausschlaggebend für Bairs Weg. Wer nur physisch weggeht, aber geistig – sagen wir: wertemäßig, weltbildmäßig, gedanklich – dableibt, bricht nur äußerlich auf, innerlich verharrt er. Das gilt für so manche, die wegziehen, weil es ihnen zu eng ist im eigenen Land, weil die Welt ruft, weil die Möglichkeiten woanders größer scheinen oder verlockender. Vielleicht, wenn auch nicht sicher, war Luis Trenker so einer, aber es gibt deren viele, auch in näheren Zeiten: Wenn sie wiederkommen, lassen sie sich als Stars feiern, werden herumgezeigt wie Monstranzen, aber sie bringen nichts Neues mit, strahlen zwar im Licht des fremden Glanzes, werfen dieses Licht aber nicht auf die Verhältnisse daheim, verändern hier nichts.

Umgekehrt lässt sich fragen, ob es denn möglich ist, physisch im Lande zu bleiben, aber hier das Neue zu finden, zu entwickeln, zu stiften. Alexander Langer ist weggegangen nach Rom, nach Florenz, später in die Zentren der grün-alternativen Szene in Deutschland; letztlich aber ist er gegangen, um wiederzukommen und mitzubringen, was er auswärts gefunden hatte. Das setzte voraus, dass er nicht nur physisch wegzog, sondern innerlich den Bruch wagte mit den Orten und Werten, in denen er aufgewachsen war – ein Ankommen im Weggehen und im Wiederkommen, eine Entscheidung für die Gestaltung der Welt, wo auch immer jemand ist, gerade da, wo sie oder er sich gerade befindet.

Eine ähnliche, wenn auch nicht dieselbe Geschichte finden wir in der Enge des Villnösser Tales, wo Reinhold Messner aufgewachsen ist, bevor er die Felswände seines Tales, dann in aller Welt überwinden wollte. Der Bruch mit dem Eigenen führt zum Aufbruch, ruft aber immer aufs Neue zurück an die – symbolischen – Wände daheim: ein Hadern im Bleiben, ein Aufatmen im Wegziehen, ein Hin- und Hergerissensein zwischen Ausbruch und Heimkehr, ein Versuch wohl auch, auszuheilen, was einst hinausgetrieben hat, zu klären, was immer wieder zurückruft.
So zeigen sich Brüche nicht als Unglück, sondern als Motiv des Aufbruchs: Wer physisch und innerlich bleibt, sieht seine Brüche nicht, ist identisch mit sich und der Welt, ist sich dessen sicher, was er für seine „Identität“ hält. Wer nur physisch weggeht, wird anderswo genauso leben wie da, wo er hergekommen ist; wer nur innerlich wegzieht, aber physisch bleibt, droht zu ersticken, wenn er nicht ankommt: wenn er nicht zum Gestalter der Veränderung wird. Aber selbst wer physisch und innerlich wegzieht, wie es aus der Vita des Max Bair durchscheint, wird nur bedingt dort ankommen, wohin er aufgebrochen ist: Drei Kühe, seinen Hof und seinen Namen hat Bair zurückgelassen, um sich zu befreien, am Ende landet er aber doch wieder in einem System, das hohe Anpassungsleistungen fordert und Dissidenten hart bestraft, das aus der Hoffnung auf Freiheit entstanden ist und in der Ernüchterung der DDR-Diktatur endet.

Wer wegzieht, hat keine Garantie, wer bleibt, hat auch keine, wer physisch wegzieht und gedanklich bleibt, führt entweder ein bequemes oder ein verkanntes Leben, wer physisch bleibt und gedanklich wegzieht, wird zum Dissidenten oder zum Helden. So hilft alles nichts außer das Ankommen: die Gegenwart anzunehmen und sie zu gestalten, wo auch immer, wie auch immer. Wer entscheidet, dass er oder sie genau hier, genau jetzt, wo auch immer sie oder er gerade steht oder geht, das eigene Leben in die Hand nehmen will, mag weggezogen sein, mag hiergeblieben sein, mag heimkehrt sein; daheim oder auswärts, das ist eine Frage der Möglichkeiten, der Zufälle, der Bedürfnisse, der Berufungen, der Beziehungen. Das Ankommen ist davon nicht unabhängig, aber es kann davon unabhängig machen. Ob eine Kutsche vollbepackt mit Kisten und Holzkoffern in einem fremden Dorf anhält, ob Studierende ihr Gepäck aus dem Auto holen und Danke sagen fürs Mitnehmen, ob Reisende den Koffer scheppernd durch eine fremde Stadt ziehen oder Dagebliebene in der Früh beschließen, dass ein neuer Tag beginnt, ob ein junger Mensch mit leicht zitternder Hand an eine Tür klopft für ein Bewerbungsgespräch da oder dort, ob ein Ausstellungsraum gemietet wird hier oder woanders, ob ein Manuskript ans Ende gebracht wird, um es zu verschicken, ob eine Leinwand aufgestellt wird in München, Bruneck oder Martell – in jedem Augenblick, zu jedem Anlass ist das Ankommen möglich, es ist die Geburt des Seins.


Literatur


[1] Radiointerview im Sender Bozen und Diskussion mit Hans Heiss in Bozen, Buchhandlung Kolibri, am 7. Dezember 2012 anlässlich der Vorstellung der von Joachim Gatterer herausgegebenen und kommentierten Neuauflage der Erzählung „Die drei Kühe. Eine Bauerngeschichte zwischen Spanien und Tirol“ von Egon Erwin Kisch, Bozen, Edition Raetia 2012 [1939].

[2] Vgl. Peterlini, Hans Karl: Freiheitskämpfer auf der Couch. Psychoanalyse der Tiroler Verteidigungskultur von 1809 bis zum Südtirol-Konflikt, Innsbruck-Wien-Bozen, Studienverlag 2010, u.a. 148

[3] Vgl. Peterlini, Hans Karl: Heimat zwischen Lebenswelt und Verteidigungspsychose. Politische Identitätsbildung am Beispiel Südtiroler Jungschützen und –marketenderinnen, Innsbruck-Wien-Bozen, Studienverlag 2011

[4] Kisch 2012, Nachwort von Joachim Gatterer: 113

 

Hans Karl Peterlini, wohnhaft in Bozen; langjähriger Journalist und Leiter verschiedener Südtiroler Medien, u.a. des Wochenmagazins „ff“, derzeit externer Lehrbeauftragter und Forschungsmitarbeiter an der Universität Innsbruck, Fakultät für Bildungswissenschaften; Autor zahlreicher Publikationen, vor allem über den Südtiroler Kampf um Autonomie, über Heimat und Identität, Gegenwartsbefindlichkeit sowie Kultur und Interkultur.

 

Dieser und viele weitere interessante Beiträge zum Thema „Kommen, Bleiben, Gehen“ ist in der ersten Ausgabe von 39NULL erschienen.