DIE WIRKLICHE WIRKLICHKEIT

Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) setzt auf „aggressiven Humanismus“ und appelliert mit performativen Aktionen an das moralische Gewissen von Gesellschaft und Politik. Nicht bei allen kommt das gut an. Wie frei ist die Kunst und wogegen muss sie sich wehren? André Leipold, ZPS-Geheimrat, gibt Aufschluss.

Der Blick des Künstlers auf die Grenzen der künstlerischen Freiheit ist normalerweise ein vor allem nach innen gerichteter. In manchen Fällen wird diese Blickrichtung stellvertretend für die Gesellschaft eingenommen. Es ist der Blick des Individuums auf seinen Platz in dieser Zeit, an diesem Ort. Wenn dieser Platz erweitert oder verteidigt werden soll, ist dies selbstverständlich mit der Beachtung des Spielraums verbunden, den uns das Grundgesetz gewährt. Doch dieser Spielraum ist größer, als gemeinhin angenommen wird.

Aktionskunstwerke können und sollten weder räumlich noch zeitlich eingerahmt werden. Mit jeder Reaktion, mit jeder angeregten Diskussion entwickeln sie sich stetig und interaktiv weiter. Zu Ende sind sie erst, wenn niemand mehr über sie redet oder nachdenkt. Im schönsten Fall leben sie weiter, indem sie zum Stein des Anstoßes für die Beantwortung politischer, philosophischer oder gesellschaftlicher Fragen werden. Aus Theatermacher-Sicht haben wir es nicht mal nur quasi mit dem dritten Akt eines Stücks zu tun, dessen Akteure oft erst spät erkennen, dass sie sich auf einer metaphysischen Bühne befinden. So vervollständigen sie – meist unfreiwillig – das Skript, sie geben manchmal Antworten auf Fragen, die sich die Initiatoren selbst nicht gestellt haben. Wir im Zentrum für Politische Schönheit können in der Rückschau auf eine ganze Reihe von willkommenen und unwillkommenen Interaktivitäten verweisen, denen sich Künstler im Normalfall nur selten ausgesetzt sehen – im Guten wie im Schlechten. Die auf unserer Internetseite einsehbare Dokumentation singt das epische Lied von einer fragmentierten Öffentlichkeit und ihrem Unvermögen, künstlerische Motive und politische Positionen auseinanderzuhalten. Je nach Echokammer werden wir mal als politische Akteure, mal als mediales Theaterhaus oder – gerne von rechts – als Projektionsfläche für alles wahrgenommen, was man dem Zeitgeist schon immer mal entgegenwerfen wollte.     
    
Dies sind natürlich die Geister, die wir riefen – meistens jedenfalls. Von Beginn an haben wir versucht, uns an bisher unbesetzten Schnittstellen zwischen Kunst, Politik, Medien und Wissenschaft zu etablieren. Das ZPS arbeitet an einer Kunstform, die sich nicht in die üblichen Kategorien sperren lässt. Wir versuchen, über Mittel wie Spiegelung, Simulation, und Camouflage unsere künstlerischen und philosophischen Motive in eine Überprüfung zu führen. Ein Beispiel hierfür wäre die Frage, wann, wo und wie der Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“ bestätigt oder abgelehnt werden sollte. Hierfür kreieren wir schillernde Situationen, die Diskussionen und konstruktiven Streit generieren sollen. Auch geht es darum, Verantwortungsträger in Rechtfertigungs- und Handlungszwänge zu führen. Das heißt aber alles mitnichten, dass diese Motive mit Meinungen, Haltungen oder Positionen gleichzusetzen wären. Wenn ich einen schockierenden Film über einen Serienmörder drehe, dann könnte etwa die Nachempfindung der Gedankenwelt der Hauptfigur als ein künstlerisches Motiv betrachtet werden. Über meine persönliche Haltung oder Meinung zu deren Taten habe ich aber deshalb noch keine direkte Information gegeben.
Genauso ist das auch bei uns zu verstehen. Die Rezeption fällt eben nur um einiges komplexer aus, da wir künstlerische Motive mit realen Vorgängen koppeln.

Mit unserer Aktion Kindertransporthilfe des Bundes konnten wir 2014 diesen Ansatz erstmals voll ausspielen. Im selbst auferlegten Auftrag der Bundesregierung haben wir uns auf die Suche nach Pflegefamilien gemacht, um die apokalyptische Situation Syriens in die Herzen der deutschen Gesellschaft zu schieben – und entwickelten ein schlüsselfertiges Soforthilfeprogramm, welches das Familienministerium nur hätte übernehmen müssen. Die absehbare „Flüchtlingskrise“ der darauffolgenden Jahre hätte so von einer sowohl mental als auch verwaltungstechnisch vorbereitenden Initiative profitieren können. Leider wurde diese Gelegenheit nicht wahrgenommen. Dennoch zeitigte die vielfältige, auch auf Titelseiten verhandelte Rezeption politische Wirkung und erschuf ein Kaleidoskop gesellschaftlicher und politischer Rückbestätigung.

So stellt auch der noch laufende, dritte Akt unserer Aktion Holocaust-Mahnmal Bornhagen ein Kaleidoskop dar, das viele Antworten zur Lage der Nation zu bieten hat. Wir konnten etwa einen öffentlichen Einblick in die Umtriebe des modernen Rechtsextremismus herstellen. Und wir konnten zum Zustand der öffentlichen Debatte einige traurige Erkenntnisse ermöglichen. Uns soll an dieser Stelle vor allem interessieren, dass auch ein aktueller Befund zum Stand der Kunst- und Meinungsfreiheit generiert werden konnte. Nachdem wir in unmittelbarer Nachbarschaft zum privaten Wohnort des thüringischen AfD-Fraktionschef Björn Höcke einen Erweiterungsbau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas entstehen ließen, boten nicht zuletzt die in dieser Form kaum erwartbaren juristischen Auseinandersetzungen einen Fundus auf Fragen, die wir gar nicht gestellt hatten.
    
Gerichte übernehmen also die unfreiwillige Aktionsregie und schenken uns Urteilstexte, die durch ihren richtungsweisenden Charakter einen hohen und bleibenden Wert darstellen. Zu Höckes Klage, dass seine Persönlichkeitsrechte angegriffen worden seien, hat das Kölner Oberlandesgericht im März 2018 geurteilt, dass in diesem Fall die Freiheit der Kunst über den Persönlichkeitsrechten stehe. Höcke und andere Volksverdreher hätten sich den Text wohl besser genauer durchlesen sollen, denn er bietet auch überraschend feinsinnige Aufklärung für Menschen mit mangelndem künstlerischen Sachverstand. Dort heißt es nämlich, „dass ein Kunstwerk eine gegenüber der realen Wirklichkeit verselbstständigte ‚wirklichere Wirklichkeit’ anstrebt, in der die reale Wirklichkeit auf der ästhetischen Ebene in einem neuen Verhältnis zum Individuum bewusster erfahren wird. Die künstlerische Darstellung kann deshalb nicht am Maßstab der Welt der Realität, sondern nur an einem kunstspezifischen, ästhetischen Maßstab gemessen werden. Das bedeutet, dass die Spannungslage zwischen Persönlichkeitsschutz und Kunstfreiheit nicht allein auf die Wirkungen eines Kunstwerks im außerkünstlerischen Sozialbereich abheben kann, sondern auch kunstspezifischen Gesichtspunkten Rechnung tragen muss“.
    
Aus heutiger Sicht, nachdem wir wissen, dass die Staatsanwaltschaft Gera über Monate gegen uns wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelte und der zuständige, der AfD nahestehende Staatsanwalt sich und seinen Brüdern und Schwestern im Geiste ein goldenes Eigentor beschert hat, erscheint es als immer unwirklichere Wirklichkeit, mit welcher Dummdreistigkeit Antidemokraten versuchen, demokratische Institutionen zu instrumentalisieren, um eben jene zu untergraben. Man könnte jetzt das Aktionsbuch schließen und sich darüber freuen, dass der Geist des Grundgesetzes – dem wir uns stärker verbunden fühlen, als es den meisten Beobachtern bewusst sein dürfte – am Ende immer obsiegt. So einfach ist es aber nicht. Eine streitbare Demokratie schöpft ihre Widerstandskraft gegen Antidemokraten nämlich nicht alleine aus ihren Institutionen, sondern ebenso aus der Wehrhaftigkeit der Zivil­gesellschaft. Und dort sieht es zurzeit, quer durch die liberalen Gesellschaften Europas und Nordamerikas, nicht sehr erfreulich aus. Der öffentliche Diskurs sieht sich einer diversen, aber in Kernfragen einigen Phalanx von rechts ausgesetzt, die nichts unversucht lässt, demokratische Normen und humanistische Errungenschaften zu schreddern. Das ist auch ein verschleierter Angriff auf bürgerliche Freiheiten. Und diese sind nur so groß wie die Zahl derer, die sie bewusst wahrnehmen. In diesem Sinne liegt die größte Gefahr für Bürgerrechte und Freiheiten in der Unterschätzung des Handlungsspielraums, den sie bieten.

„Die Grenzen künstlerischer oder politischer Freiheit, überhaupt die Grenzen bürgerlicher Freiheit liegen ferner, als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt.“

Es ist traurig und alarmierend, anhand unseres Beispiels die Perversität der aktuellen politischen Situation erkennen zu müssen. Jene Kräfte, die sich an der Zersetzung demokratischer und aufklärerischer Werte sowie von Grundrechten abarbeiten, erhalten in Amt und Würden nun immer mehr Möglichkeitsräume, um die dringend nötige, zivilgesellschaftliche Gegenbewegung zu unterdrücken. Was der rechte Mob auf den Straßen nicht bewerkstelligen konnte, führen staatliche Institutionen weiter.
In unserem Fall mag das nicht mit Erfolg gekrönt sein. Man muss jedoch nicht besonders viel Fantasie besitzen, um zu erahnen, wohin das führt, wenn dem nicht Einhalt geboten wird: Das Wahrnehmen von bürgerlichen Freiheitsrechten wird so sukzessive in eine illegitime Belästigung verwandelt. Am Ende steht dann – ganz im Sinne der global agierenden Antidemokraten – die Demokratie als zu bekämpfende Belästigung dar.

Es zeigt sich nun, dass der neurechte Marsch durch die Institutionen im vollen Gange ist und einen Ablaufplan der Infiltrierung abarbeitet. Den kann man zum Beispiel bei Vordenkern wie Götz Kubitschek nachlesen: Nachdem der öffentliche Diskurs mit nationalistischer, völkischer und rechtsreaktionärer Begriffssetzung hinlänglich durchwandert wurde, kann nun schleichend damit begonnen werden, staatliche Institutionen Stück für Stück nach Dunkeldeutschland zu rücken. Die ganze Angelegenheit ist also im wahrsten Sinne verrückt. So wie die neue deutsche Phalanx der Rechtspopulisten und -extremisten erfolgreich die öffentliche Deutungshoheit über bestimmte Begriffe und Themenkomplexe erlangt hat, führt sie ihr Machwerk nun zum nächsten Level. Künstlerische Prozesse und/oder originelle Protestformen – die nicht nur grundgesetzlich geschützt, sondern auch wichtige Bausteine des zivilgesellschaftlichen Lebens sind – werden methodisch und bewusst unterkomplex zu illegitimen Gewaltakten umgedeutet. Die Gründe für diese Form der schleichenden Ermächtigung sind nicht nur über den oft bemühten Hinweis auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit zu finden. Die Gründe liegen auch und nicht zuletzt in uns selbst und unserem bisherigen Unvermögen, Widerstand zu leisten. So wird nun das Recht langsam, aber stetig in Unrecht verwandelt. Widerstand wäre einem alten und wahren Sprichwort zufolge nun Pflicht. Aufgeklärte Gutmenschen haben es nur leider nicht so gerne, sich verpflichten zu lassen.

Der Philosoph Karl Mannheim etablierte den Begriff der „freischwebenden Intelligenz“, die sich ungebunden von sozialen oder kulturellen Voreingenommenheiten und Ideologien in öffentliche Debatten schaltet, um unverfälschte Wahrheiten zu markieren und durchzusetzen. Dies war nicht nur eine utopische Träumerei von einer idealen demokratischen Öffentlichkeit. Bis vor nicht allzu langer Zeit konnte man in liberalen Demokratien halbwegs funktionierende Öffentlichkeiten beobachten, die meistens einen gewissen Grundkonsens über Tatsachen und andere Wahrheiten bewerkstelligen konnten. Es scheint so, dass künstlerische und andere zivilgesellschaftliche Kräfte mehr denn je aufgefordert sind, die freischwebenden Intelligenzen wieder einzufangen und in neuartige Institutionen umzuwandeln, welche historische Erkenntnisse, Wahrheiten und Errungenschaften wieder in strahlendes Licht und allgemeine Anerkennung zu tauchen vermögen.

Marcel Duchamp sagte einmal: „Die Kunst ist nicht das, was man sieht; sie ist in den Lücken. Es ist der Betrachter, der diese füllen muss. Ohne seine schöpferische Teilnahme bleibt das Werk Fragment. Er allein kann es vollenden.“ Jene schöpferische Teilnahme fordern wir ein. Wir versuchen allerdings, sie umzuleiten – auf die Politik. Dass dieser Transfer sehr zäh verläuft, liegt nicht an unrealistischen Perspektiven, sondern an der kollektiven, tiefsitzenden Akzeptanz von konstruierten Kategoriengrenzen. Die Grenzen künstlerischer oder politischer Freiheit, überhaupt die Grenzen bürgerlicher Freiheit liegen ferner, als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt.

Eine notwendige, mentale Revolution der beschriebenen Art richtet sich also nicht gegen den Staat und seine Institutionen. Ganz im
Gegenteil. Sie richtet sich erst gegen unsere eigenen Muster und dann gegen die Feinde der Demokratie und der Menschenrechte. Unsere paradox scheinende, im besten Sinne dialektische Herausforderung besteht darin, innere Widerstände zu überwinden, um nach außen Widerstand leisten zu können. Die Geschichte lehrt uns, dass es schneller zu spät sein kann, als man denkt.

 

 

Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ist ein Zusammenschluss von etwa 70 Aktionskünstler*innen, die durch performative Interventionen auf humanitäre Katastrophen aufmerksam machen wollen. So plante das Kollektiv beispielsweise, Angela Merkel bei Ebay zu versteigern, oder hat für die Aktion Die Toten kommen geflüchtete und an den europäischen Außengrenzen verstorbene Menschen exhumiert und nach Berlin überführt, um auf die deutsche Flüchtlingspolitik aufmerksam zu machen. Diese Methode nennt das ZPS „aggressiven Humanismus“, der das moralische Gewissen der deutschen Regierung wachrütteln soll. In der Rezeption werden die Aktionen kontrovers diskutiert.

Im November 2017 startete das Projekt Bau das Holocaust-Mahnmal vor Höckes Haus!. Mit einem verkleinerten Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals neben Björn Höckes Haus im thüringischen Bornhagen protestierte das ZPS gegen den AfD-Politiker, der in einer Rede im Januar 2017 „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert und von einem „Denkmal der Schande” gesprochen hatte. Zur Aktion gehörte eine vorgebliche Überwachung des Hauses, in dem Höcke mit seiner Familie lebt. Das ZPS erhielt von vielen Seiten Kritik, von rechts sogar Morddrohungen. Es entspann sich ein Rechtsstreit. Im Dezember 2017 teilte das ZPS mit, die Quellen für die angebliche zehnmonatige Überwachung Höckes „im Wesentlichen aus dessen eigenen Veröffentlichungen auf sozialen Medien bezogen zu haben“.