Norbert C. Kaser, Lesung in der Alten Schmiede, Wien  April 1978 © Hannelore Bachmeier-Haller

Norbert C. Kaser, Lesung in der Alten Schmiede, Wien April 1978 © Hannelore Bachmeier-Haller

Hans Haider

Einer der Insrigen

Norbert C. Kaser 2014. In Bruneck wurde im Herbst 2013 eine neue Stadtbibliothek eingeweiht. Mit dem Kunstwort LibriKa auf dem Türschild. Versteckt sich hinter der letzten Silbe die erste aus Kasers Namen? In dem Neubau werden die verstreuten Konvolute seines Nachlasses zusammengeführt. Die Bozner Sparkassen-Stiftung hat rechtzeitig geholfen, den Großteil anzukaufen. In der neuen Südtiroler landesgeschichtlichen Dauerausstellung im Bergfried von Schloss Tirol wird der Autor in einer Vitrine präsentiert wie auf einem Hausaltar. Die Vers-Stelen aus Holz mit Textfragmenten Kasers am Weg ins Brunecker Rathaus sind schon ein wenig abgewittert. Man kann sie auf Papier nachlesen. Im Herbst ’13 sind wieder Gedichte und Prosastücke in einer schlanken Volksausgabe – „herrenlos brennt die sonne“ – im Haymon Verlag erschienen.

35 Jahre – so lange dauert eine normale Angestelltenkarriere – nach dem Begräbnis am 23. August 1978 auf dem Friedhof in Bruneck ist Norbert C. Kaser nicht nur im Kanon der Literatur angekommen, sondern auch „draußen bei den Menschen“, wie Politiker zu phrasieren pflegen. Halt! Ich habe Südtiroler zu Dutzenden getroffen, die Kaser ganz vertraut als „einen der Insrigen (Unseren)“ preisen, doch nie ein Kaser-Buch in Händen hielten. Was zu belegen ist, denn die ersten Sammelbände, „eingeklemmt“ und „kalt in mir“, waren seit Mitte der Achtzigerjahre vergriffen; die seit 1978 erschienene dreibändige wissenschaftliche Werkausgabe des Brenner-Archivs fand nur wenige private Käufer. 2007 breitete der hochgeschätzte Tiroler Schriftsteller Raoul Schrott wiederum Kaser in „Texten und Briefen“ aus – ein wegen der wirren Typographie leider schier unlesbares Buch.

Schulleute, viele aus Kasers Generation, brachten, je nach Temperament und Neigung, Kaser als politischen Rebellen oder als – in die Höhen Rilkes, Benns, Brechts entrückten – Zeilensetzer unter das lesende Jungvolk. Zumeist mit einfach zu interpretierenden Textbeispielen.

Unterstützt von der sich überschlagenden Metaphorik der Literaturkritik („In der Sprache Norbert C. Kasers weitet sich das regional Beschränkte zur Provinz des Menschen“, FAZ), hat sich ein Kaser-Bild gefestigt, in welchem die politischen Konturen schärfer leuchten als die ästhetischen. Es spricht für die schlichte Theorie, Literatur sei kein Wettlauf zum erhellendsten, gültigsten, schönsten Text, sondern eine Struktur- und Lebensform. H. C. Artmann, weißgott ein Sprachschnitzer, ließ in seiner „acht-punkte-proclamation des poetischen actes“ von 1953 sogar einen Dichter ohne Werk gelten auf der Bühne der Poesie.

Will man Kasers „Lebensform“ auf den Grund gehen, kommt man um das prekäre familiäre Milieu im Kontext der Brunecker deutschen Bürgergesellschaft (es gab auch, grenznah, eine insulare der staatdienenden Italiener) nicht herum. Ein Armeleutekind auf dem Weg zur Matura in einer Klassengruppe, in der sich viele alles leisten können, welches fleht: „lasst mich lebendig werden.“ In der materiellen Konkurrenz chancenlos, stopft es Wissen in sich hinein. Vor allem solches, das unter den Stadtbürgern zählt: Heimatkunde, Kunstgeschichte. Der Sohn des Invaliden an der Fabrikpforte als neugieriger Bildungskleinbürger. Mit autoritären Konflikten im Gymnasium, die ihm fürs Erste die Reifeprüfung kosten.

Erst mit zwanzig, als Lehrer-Supplent in Laas, wagt er die Selbstbezeichnung als Dichter. Es wird die lebensbestimmende sein, materiell abgesichert vorerst durch die Lehrerei. Eine weitere Anstellung nach dem Schuljahr 1967/68 findet er nicht. Mit 21 und großjährig wählt er die Kutte eines Kapuzinernovizen und zügelt die religiöse Emphase, drei Jahre nach dem Zweiten Vatikanum, mit Reformeifer. Als ein halbes Jahr später bei der Jugendkulturwoche 1969 in Innsbruck ein erster Auftritt in der Dichterrolle winkt, verlässt er das Kloster und holt die Matura nach.

Wieder eine neue Rolle: Student, wie viele damals politisch wütend – und wie viele Vorbilder als mittelloser Bohemien gedichteschreibend unterwegs. Dass er aus finanzieller Not sein Kunstgeschichtestudium abbrechen muss, passt in dieses romantische Narrativ. Wahrscheinlich hat er im hochbourgeoisen Institutsbetrieb nicht die nötige zweite lebende Fremdsprache nachweisen können. Erst als Aushilfslehrer in Südtiroler Bergdörfern fängt er neu an. Mit Geschichten für Kinder. 1976, als Arbeitsloser daheim in Bruneck, politisiert er sich plötzlich beim Aufbau der lokalen kommunistischen Partei. Bei einem KP-Konvent in Bozen wird er, kurz vor seinem Tod im Sommer 1978 mit 31, als Dichter, der eben in Wien goldenen Literaturlorbeer abgeholt habe (tatsächlich war es ein Stipendium), auf das Podium gerufen. Eine Inszenierung wie eine Dichterkrönung. Klaus Gasperi, sein treuer Freund, erzählt: Kaser ist auf das Podium gestiegen und hat dem aufbrausenden Jubel Einhalt geboten mit den Worten „Nicht als Dichter spreche ich zu euch, sondern als einfacher Genosse“.

Kasers zustandsgebundene Rollen und die aus der Not, auch der sexuellen, gereifte Camouflage sind mitzudenken, wenn die Vielgestaltigkeit seiner poetischen Rhetorik und Widersprüche darin überraschen oder befremden.

 

Vita Hans Haider: Geb. 1946 in Innsbruck. Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Wien. 1972/74 Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, 1974 bis 2008 im Kulturressort der Presse. Hat dort 1976 erstmals Texte von N. C. Kaser abgedruckt. Herausgeber von Kasers nachgelassenen Schriften 1979 bis 2005 in den Verlagen Bloch, Haymon, Diogenes, Friedenauer Presse. Herausgabe der Sammlung An mein Kind – Briefe von Vätern 1984 sowie von Prosasammlungen von H. C. Artmann und Barbara Frischmuth. Österreichischer Staatspreis für Literaturkritik 1991. Lebt in Wien.