Paula Winkler

Exceptional Encounters. As many guys as I could get

Der nackte weibliche Körper ist in unserer kulturellen Öffentlichkeit für den Betrachter zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Der öffentliche Blick auf den nackten Männerkörper hingegen ist noch immer eher schamhaft und zurückhaltend. Die Berliner Fotografin Paula Winkler wagt es, den Männerakt ins Bild zu holen, und wirft dabei interessante Fragen auf: Wie blicken Frauen auf nackte Männer? Wie zeigt sich ihr Begehren? Unterscheidet sich ihr Blick vom männlichen Blick? Unterscheidet sich ihr Begehren? 39NULL hat die Künstlerin zum Interview getroffen, um mehr über ihr Projekt Exceptional Encounters zu erfahren.


39NULL: Deine Fotoserie nennt sich Exceptional Encounters. Was verbirgt sich hinter diesem geheimnisvollen Titel?

Paula Winkler: Für meine Arbeit Exceptional Encounters habe ich unter dem Pseudonym Renate Rost auf einer Sex-Plattform im Internet Männer kontaktiert, mit dem Anliegen, sie – mehr oder weniger nackt – in Hotelzimmern zu fotografieren. Als Fotografin und Frau fehlt mir der sexualisierte Blick auf den männlichen Körper. Der männliche Akt ist visuell oder konkret fotografisch weit weniger behandelt worden als der weibliche Akt – besonders von Frauen. Zwar gibt es Männerakte, seit es die Fotografie gibt, diese sind jedoch fast ausschließlich in der schwulen Bildtradition verankert. Ich liebe diese Bilder, aber ich weiß auch, dass sie nicht in erster Linie mir gelten. Wenn ich einen Akt sehe, kann ich nicht anders, als mich zu fragen, von wem und für wen dieser nackte Körper dargeboten wird. Deshalb war es für mich sehr spannend, mich künstlerisch mit dem Männerakt auseinanderzusetzen. Darüber hinaus hat mich aber auch schlicht interessiert, was für Männer sich hinter den Profilen auf den Onlineportalen verbergen und ob sie wohl bereit wären, sich vor einer fremden Frau in einem unbekanntem Hotelzimmer fotografieren zu lassen.

Für viele sind Begegnungen mit Menschen, die sie nur aus dem Internet kennen, undenkbar, wenn nicht sogar ein Tabu. Vor allem, wenn eine Frau sich mit fremden Männern an einem fremden Ort trifft. Wie waren die Treffen für dich?

Aufregend! Ich arbeitete ohne Assistenten und traf mich mit meinen Internetbekanntschaften gleich bei der ersten Verabredung in Hotels zum Fotografieren, ohne sie vorher kennengelernt zu haben. Ich hatte keine Ahnung, wem ich gegenübertreten würde. Außerdem war mir bewusst, dass die Motivation der Männer, mitzumachen, häufig auf einer erotischen Fantasie beruhte – der Rollenspielcharakter solcher Begegnungen ist schwer von der Hand zu weisen. Demgegenüber stand meine Intention, ein fotografisches Bild zu kreieren. All diese Faktoren machten es nicht unbedingt einfach: Ich musste in kürzester Zeit in unvertrauter Umgebung mit einem fremden nacktem Modell und seinen mir unbekannten Erwartungen ein Bild konzipieren, von dem ich noch nicht wusste, wie es aussehen könnte. Das war einerseits sehr anstrengend, aber auch sehr reizvoll.

Die nackte Frau wird in der Werbung, im Film, in der Fotografie, im Alltag schon lange als sexuelles Lustobjekt inszeniert. Abbildungen nackter Männer hingegen erregen noch immer die Gemüter. Warum, glaubst du, ist das so?

Im Laufe der Kunstgeschichte ist der nackte Mann immer mehr von der Bildfläche verschwunden, während der weibliche Körper immer mehr zum Bild selbst geworden ist. Hier kommt wieder die Frage ins Spiel, von wem für wen der nackte Körper inszeniert wird. Dabei darf man nicht vergessen, dass Frauen der Zugang zum Kunststudium und besonders zum Aktstudium bis in die 1920er Jahre verboten war. Den Blick auf etwas oder jemanden – und insbesondere auf jemand Nacktes – zu richten, hat ja stets auch mit Machtverteilung zu tun. Ich denke, dass es heterosexuelle Männer im Allgemeinen nicht gewohnt sind, betrachtet zu werden – womöglich noch mit sexuellem Interesse –, und dass viele von ihnen sich in dieser Rolle nicht wohl fühlen, weil sie damit automatisch zum Objekt werden. Es fordert ihr Selbstverständnis heraus.

Liegt in der Unsichtbarkeit des Mannes und seines Körpers, seinem Nicht-Vorhandensein, ein Stück weit seine Dominanz über die Frau begründet?

Davon bin ich überzeugt. Das Ungleichgewicht in der Darstellung von nackten Frauen- und Männerkörpern und der Blicke auf sie spiegelt meiner Ansicht nach definitiv ein Machtverhältnis wider.

Was interessiert dich persönlich daran, als Frau und Künstlerin nackte Männer zu fotografieren?

Der kritische Diskurs über Geschlechterverhältnisse und Sexualität und die Macht des Blickes liegt mir am Herzen, und ich möchte auf visueller Ebene daran teilhaben.

Die Posen deiner männlichen Models sind eher feminin und nicht typisch maskulin wie etwa die Pose des Athleten oder des Kriegers. Sind deine Fotografien karikaturistisch oder als ernsthafte Auseinandersetzung mit Körperlichkeit intendiert?

Mir ist es wichtig, in den Posen keine starren Geschlechterzuschreibungen zu bedienen und zu reproduzieren. Obwohl die Darstellung von nackten Körpern oft mit Natürlichkeit assoziiert wird, ist kein anderes Genre so geschlechtsspezifisch konstruiert wie dieses. Wie der Blick gelenkt wird und von welchen Posen Gebrauch gemacht wird, beeinflusst unser Verständnis von Körpern. Bilder spiegeln ja nicht einfach nur eine Wirklichkeit wider, sondern konstruieren selbst Wirklichkeiten und prägen unser Verständnis von der uns umgebenden Realität, so auch von Geschlechterrollen und Sexualität.

Du bist beim diesjährigen European Photo Exhibition Award (epea) dabei, die Ausstellung dazu wird im März in Oslo eröffnet. Das aktuelle Thema, zu dem zwölf Teilnehmer Foto-Essays erarbeiten, lautet »The New Social« und bezieht sich auf die gegenwärtigen politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen in Europa, die neue Formen der demokratischen Teilhabe ermöglichen sollen, aber eine kritische Auseinandersetzung mit unseren Werten erfordern: Lebensstile, Umgangsformen und Wege der Kommunikation sowie veränderte Arbeitsbedingungen und Fragen der Mobilität und kulturellen Identität sollen reflektiert werden. Wie hast du dich dem Thema genähert?

Für meine neue Arbeit Centerfolds, die für den European Photo Exhibition Award entstanden ist, habe ich mich weiterhin mit dem männlichen Akt auseinandergesetzt. Eine der grundlegenden sozialen Strukturen einer Gesellschaft ist die Unterteilung in Frauen und Männer. Wobei traditionell der Frau der Bildstatus zugeschrieben wird – sie ist das betrachtete Objekt der Begierde –, während der Mann das lustvoll blickende Subjekt ist. Das ist ja keine neue Erkenntnis. Ich habe mich gefragt, ob es möglich ist, auch den männlichen Körper zum Objekt der Begierde werden zu lassen und wie das aussehen könnte. Während die Exceptional Encounters auch als dokumentarische Portraits gelesen werden können, habe ich mich bei den Centerfolds auf Körper, Form und Farbe konzentriert, um ein möglichst attraktives Bild zu kreieren und den/die Betrachter/in zu verführen. Ich mache den Mann zum Objekt, und um diese Objekthaftigkeit zu betonen, sind die Bilder wie Centerfolds gefalzt und werden in Objektrahmen präsentiert. Der Bildträger wird zum Bedeutungsträger und verweist auf den Umgang mit nackten Körpern in der Populärkultur.

Das Interview führte Martin Santner.

Vita: Paula Winkler, geb. 1980 in Berlin, studierte Fotografie und Medien an der FH Bielefeld. Ihre Arbeiten wurden mehrfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet und sind in verschiedenen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Paula Winkler lebt und arbeitet in Berlin. www.paulawinkler.com