Ein Dokumentarfilm von Sarah Trevisiol und Matteo Vegetti

Insiders-Outsiders

Der Dokumentarfilm Insiders-Outsiders versammelt Geschichten junger Menschen mit direktem oder indirektem Migrationshintergrund, die in Südtirol aufgewachsen oder bereits geboren sind und dennoch nicht gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben dürfen. 39NULL hat die Regisseurin Sarah Trevisiol zum Interview getroffen und mit ihr über Zugehörigkeit und Ausgrenzung, über Bürokratie und Wahrnehmung gesprochen.

39NULL: Worum geht es in eurem Dokumentarfilm Insiders-Outsiders

Sarah Trevisiol: Der Film erzählt persönliche Geschichten von Migrantenkindern, die in Südtirol aufgewachsen oder bereits hier geboren sind und sich als „eingefleischte“ SüdtirolerInnen bezeichnen. Ihre Geschichten sollen das Publikum anregen, sich Gedanken darüber zu machen, wer denn heutzutage alles SüdtirolerIn ist und aus welchem Grund. Lokale Sprachen und Sitten, soziale Eingliederung und Heimatsgefühl kennen diese Jugendlichen wie alle anderen auch. Die meisten von ihnen sind ja noch nicht mal immigriert, sondern bereits hier geboren und groß geworden, andere sind schon als Kleinkinder hergekommen und haben sich längst eingelebt. Dennoch müssen sie sich oft mit Bürokratie herumschlagen oder gegen Vorurteile kämpfen. Wir stellen dem Publikum die Frage: Hat die Differenzierung zwischen Insiders und Outsiders überhaupt noch Sinn?

Wie wichtig ist es gegenwärtig überhaupt, sich als SüdtirolerIn zu definieren, wenn doch alle von einer grenzenlosen bzw. regionenübergreifenden EU sprechen?

In den letzten Jahren stand das Thema einer erweiterten Bewegungsfreiheit innerhalb der EU häufig auf der politischen Agenda der Union, wobei manchmal leider vergessen oder wohl eher unterschlagen wurde, dass es noch keine europaweit gültigen Standards für den Erwerb der Staatsbürgerschaft gibt. In Italien gilt immer noch das Abstammungsprinzip bzw. Prinzip der Blutsverwandtschaft (jus sanguinis), d.h. dass Kinder ausländischer Eltern bis zu ihrem 18. Lebensjahr immer noch als Ausländer gelten, auch wenn sie in Italien geboren und aufgewachsen sind. Nur wenn sie nachweisen können, dass sie von Geburt an bis zur Volljährigkeit ununterbrochen in Italien gelebt haben, können sie die italienische Staatsbürgerschaft beantragen. Um den Antrag zu stellen, haben sie nur ein Jahr Zeit, wer den Termin verspasst, muss viele Jahre darauf warten. Und ohne Staatsbürgerschaft können so manche Schulausflüge und Sportveranstaltungen zu einem Problem werden, viele Stipendien greifen für die Betroffenen nicht, ihre Arbeitsmöglichkeiten im In-und Ausland sind beschränkt, und auch vom Wahlrecht sind sie ausgeschlossen.

Wie denken junge MigrantInnen darüber?

Vor allem Jugendliche der sogenannten „Zweiten Generation“, also jene, die als Kinder ausländischer Eltern bereits hier zur Welt gekommen sind, empfinden Südtirol als ihre Heimat, sie kennen nichts anderes, sie haben niemals an einem anderen Ort gelebt, im Herkunftsland ihrer Eltern fühlen sie sich fremd, und ihre Zukunft sehen sie in Südtirol, neben ihren Freunden. Weshalb ihnen so vieles erschwert wird, verstehen sie nicht wirklich.

Ist es womöglich für MigrantInnen besonders wichtig, sich zu definieren? Sich Kategorien – einer Ethnie, einer Sprachgruppe, einer Nation – zuzuordnen, um dadurch an Status zu gewinnen, um anerkannt und integriert zu werden? 

Wer äußerliche Unterschiede aufweist, ist Vorurteilen oder Generalisierungen stärker ausgesetzt. Und jede oder jeder davon Betroffene entwickelt ganz eigene Strategien, um diesen oft oberflächlichen Urteilen etwas entgegenzusetzen. Wichtig ist es an dieser Stelle aber, nochmals zu unterstreichen, dass vor allem Jugendliche der zweiten Generation nicht das Gefühl haben, sich integrieren zu müssen, sie sind ja niemals ausgewandert, sondern hier geboren und aufgewachsen, ein Teil Südtirols.

Wie multikulturell ist Südtirol?

In Südtirol leben derzeit Menschen aus 136 verschiedenen Nationen, es versteht sich also ganz von selbst, dass Südtirol keineswegs von globalen Phänomenen ausgenommen ist. 15 Prozent der insgesamt 42.500 AusländerInnen, die derzeit in Südtirol leben, d.h. ungefähr 6.500 Personen sind bereits in Italien oder Südtirol geboren. Unterschiede sollten eine Gesellschaft aber nicht erschrecken, sondern bereichern – Südtirol kennzeichnet sich ohnehin schon als mehrsprachig und pluralistisch und ist deshalb für die Zukunft vielleicht auch besser gewappnet als andere Länder.

Das Interview führte Martin Santner.

INSIDERS-OUTSIDERS by SARAH TREVISIOL + MATTEO VEGETTI

Documentary, Italy 2014, 31 min., italian + german 

Direction: Sarah Trevisiol, Matteo Vegetti

Subject: Sarah Trevisiol

Shooting: Matteo Vegetti

Editing: Sarah Trevisiol, Matteo Vegetti

Music: The Emmanuelle Sigal Ensemble

Production: evaa (Ethnologischer Verein Südtirol, Associazione Antropologica Alto Adige) 

Coproduction: franzproduction
Supported by: Città di Bolzano Politiche Sociali/Stadt Bozen Sozialpolitik + Piattaforma delle Resistenze contemporanee

MORE SCREENINGS:
13.4.2014 H 17.00 @ Bozner Filmtage, Filmclub Bozen
 26.4.2014 H 10.00 @ Festival delle Resistenze contemporanee, Mateottiplatz, Bolzano
7.5.2014 H 19.30 @ Haus Casa Seeböck, Schloßweg 1/via del Castello 1, Bruneck/Brunico
 7.6. + 11.6.2014 @ Völkerfest/Festa dei Popoli, Bozen/Bolzano 


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