Dimitris Rokos, The Peacock (Website: www.dimitrisrokos.gr)

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Überlegungen zur Kunst als spezifischer Form von Fremdheit

Ist das Kunst oder kann das weg?

Neue Musik oder Free Jazz, abstrakter Minimalismus oder Beat-Literatur – auch Kunst aus dem eigenen, vertrauten Kulturkreis kann in verschiedenen Zusammenhängen und Nuancen fremd anmuten. Ihre Verfahren, Inhalte und Ausdrucksformen werden oft als neuartig, sperrig und rätselhaft wahrgenommen. Daniel M. Feige plädiert dafür, sich deshalb nicht gleich abzuwenden, sondern sich auf diese konstitutive Fremdheit von Kunst einzulassen, da sie uns Augen und Ohren öffnet und uns unsere Welt und uns selbst mit anderen Augen sehen lässt.

 

An prominenter Stelle in seiner Ästhetischen Theorie schreibt Theodor W. Adorno: »Je besser man ein Kunstwerk versteht, desto mehr mag es nach einer Dimension sich enträtseln, desto weniger jedoch klärt es über sein konstitutiv Rätselhaftes auf.« Dieser Satz mag für den mit Adornos Diktion unvertrauten Leser zunächst selbst rätselhaft bleiben. Gleichwohl artikuliert Adorno hier meines Erachtens einen für die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Fremdheit sehr wichtigen Gedanken. Denn inwieweit kann man sagen, dass Fremdheit ein konstitutives und damit unverzichtbares Moment von Kunst als solcher ist?

Es ist natürlich so, dass Kunstwerke in ganz unterschiedlichen Hinsichten mit Fremdheit in Verbindung gebracht werden können. Drei Hinsichten drängen sich auf: Erstens kann Fremdheit ein explizites Thema von Kunstwerken sein. Michael Hanekes Episodenfilm Code inconnu etwa thematisiert durch seine radikale Verweigerung einer die Handlungsstränge umfassenden Erzählung die Kontingenz, Brüchigkeit und Unentzifferbarkeit unserer eigenen Lebensform in einer Weise, dass er zugleich vor Augen führt, was es heißt, die eigene Kultur als Fremde zu erfahren. Zweitens gibt es in der zeitgenössischen Kunst viele Werke, die durch schockierende Verfahrensweisen beim Zuschauer manchmal regelrecht Befremden auslösen können. Und drittens scheint unzweifelhaft, dass uns Kunstwerke manchmal auch dann fremd bleiben, wenn ihr Status als Kunstwerke uns gar nicht zweifelhaft zu sein scheint. Sie sagen uns dann rein gar nichts, was mitunter daran liegen mag, dass wir uns in der betreffenden Art von Kunst – Neue Musik oder Free Jazz, abstrakter Minimalismus oder Beat-Literatur – zu wenig auskennen. Charakteristisch für alle diese Fälle ist gleichwohl, dass Fremdheit hier ein besonderer Aspekt spezieller Kunstwerke bleibt, etwa als Thema oder in ihren Verfahren. Unabhängig davon, wie viele Kunstwerke Fremdheit thematisieren, Fremdheitseffekte durch bestimmte ästhetische Verfahren einsetzen und uns fremd bleiben mögen – Fremdheit ist dann kein Merkmal der Kunst als solcher, sondern ein Merkmal bestimmter Kunstwerke.

Adornos Satz zielt demgegenüber auf folgenden Gedanken ab: Kunst weist als Kunst ein irreduzibles Moment von Fremdheit auf. Wenn Adorno von einem Rätselcharakter der Kunst spricht, so meint er damit nicht, dass man Kunstwerke irgendwie dechiffrieren könnte, wenn man erst einmal den geeigneten Schlüssel für sie gefunden hätte. Hanekes Filme, Coltranes Jazzimprovisationen und Pynchons Romane werden nicht weniger rätselhaft, wenn wir andere Filme von Haneke kennen, mit den Entwicklungen des modernen Jazz vertraut sind oder postmodernes Erzählen für nicht länger erstaunlich halten. Die Pointe lautet vielmehr genau umgekehrt: Gerade wenn wir uns mit bestimmten Arten von Kunstwerken besonders gut auskennen, tritt ihre Fremdheit umso deutlicher hervor. Anders als wenn uns ein Werk bloß fremd bleibt oder reines Befremden auslöst, handelt es sich hier jedoch nicht um eine Art von Fremdheit, die bloß eine Störung oder ein Abbruch wäre. Es ist vielmehr eine Fremdheit, die produktiv wird.

Ein solches kunstspezifisches Moment der Fremdheit hängt wesentlich mit der Unübersetzbarkeit von Kunstwerken zusammen. Man kann Kunstwerke nicht in eigene Worte übersetzen, so wie man etwa einen Sachtext wiedergeben kann, ohne dass etwas Wichtiges verloren geht. Ein Kunstwerk kann man nur nachbuchstabieren. Denn das, was ein Kunstwerk als Kunstwerk verhandelt, ist an Formen von Verkörperung – etwa an Klänge, Worte und Farben, aber auch Räume, Bewegungen und Flächen – gebunden. Die Kunst, die das vielleicht am deutlichsten zeigt, ist die Musik: Sind Zusammenfassungen von Filmen meist nicht gänzlich unproduktiv, so scheint klar, dass sich zumindest absolute Musik nicht derart zusammenfassen lässt. Aber auch beim Film und selbst bei narrativen Romanen täuscht der Eindruck: Denn die filmische Narration ist wesentlich in Begriffen eines bestimmten Gebrauchs von Montage, Einstellung und Kamerabewegung zu erläutern, während die literarische Narration sich an der gestischen, manchmal kargen, manchmal üppigen Choreographie von Schilderungen von Personen, Orten und Gegenständen entzündet.

Auch wenn wir Kunstwerke als Kunstwerke niemals übersetzen können, folgt daraus jedoch nicht, dass interpretative Anstrengungen verzichtbar wären. Paradoxerweise erschließt sich nämlich das Moment des Fremden der Kunst nur durch einen solch gründlichen Nachvollzug, der eine Nachbuchstabierung der Form des entsprechenden Kunstwerks meint. Kunst gibt es, kurz gesagt, nicht ohne einen interpretativen Umgang mit ihr – es gibt keine zunächst unbeleckte Erfahrung, über die in einem zweiten Schritt interpretativ nachgedacht wird. Vielmehr ist es so, dass alles Denken in der Kunst ein wesentlich verkörpertes Denken ist.

Was heißt es also, in dieser Weise Kunst als Kunst anhand des Begriffs der Fremdheit zu erläutern? Es heißt, dass sich die Kunst in einer eigentümlichen Nähe und Distanz zu uns hält. Das ist weniger mysteriös, als es vielleicht klingen mag: Es meint, dass wir von Kunstwerken in einer Weise angesprochen werden, dass sie uns zum Ereignis werden können. Martin Heidegger hat in diesem Zusammenhang von einem Riss gesprochen, der das Kunstwerk immer auch sei. Ein Kunstwerk, das uns zum Ereignis wird, unterbricht die Kontinuität der historischen Zeit in einer Weise, dass es vormals undenkbare Möglichkeiten des Wahrnehmens, Fühlens, Handelns und Denkens stiftet. Im Rahmen der Erfahrung von Kunstwerken ziehen sie uns in ihren, ob kargen oder lebhaften, Strudel von Formen hinein und lassen uns unsere Welt und uns selbst mit anderen Augen sehen.

Die Fremdheit, die in der Kunst am Wirken ist, ist somit eine Fremdheit, die das Andere im Eigenen und das Eigene im Anderen meint. In der Erfahrung von Kunstwerken thematisieren wir uns selbst im Medium eines Anderen, das wir uns niemals gänzlich zu eigen machen können und das uns paradoxerweise doch in Fleisch und Blut übergeht. Eine solche Fremdbestimmtheit durch die Kunst, die jedoch nicht das Gegenteil von Selbstbestimmtheit ist, ist immer auch die Bestimmung unserer selbst durch eine zwischen Distanz und Nähe gehaltene Fremdheit.


Daniel Martin Feige ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich »Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste« an der Freien Universität Berlin.