©Kent Rogowski

©Kent Rogowski

Neue Werte für die Wirtschaft

von Stefanie Schmatz

Der krisenanfällige Hyper-Kapitalismus gerät immer mehr in die Kritik. Eine Alternative bietet die Gemeinwohl-Ökonomie. Sie baut auf einen ganzheitlichen Ansatz von Solidarität, Nachhaltigkeit und Menschenwürde. Ein Plädoyer.

Ein verantwortungsvoller Umgang miteinander ist unumstritten gesellschaftlicher Common Sense. Zwischenmenschliche Beziehungen gelingen uns dann, wenn ihnen gemeinsame Werte zugrunde liegen.
Warum wird diese weithin anerkannte Faustregel also nicht auch im Bereich der Wirtschaft wirkmächtig? Schließlich ist auch die Wirtschaft in Wahrheit ein Ort zwischenmenschlicher Begegnungen. Wirtschaft beinhaltet mehr als nur Angebot und Nachfrage, die auf einem abstrakten Markt reguliert werden. Wirtschaft besteht aus unzähligen MarktteilnehmerInnen, die diesen mit Leben und Menschlichkeit füllen und innerhalb dieses Gefüges als Gemeinschaftswesen handeln.
Wie würde eine Wirtschaft aussehen, die auf Werten wie Solidarität, Offenheit, Vertrauen, Respekt und Wertschätzung aufbaut? Wie würde sich ein verantwortungsvoller Umgang aller MarktteilnehmerInnen in und mit der Wirtschaft gestalten? Wie viel Verantwortung käme den einzelnen WirtschaftsakteurInnen in den jeweiligen Bereichen zu und wie viel Verantwortung sind diese bereit zu übernehmen?

Gelingende Beziehungen als Erfolgsrezept für die Wirtschaft am Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie


Die Gemeinwohl-Ökonomie plädiert für eine menschenwürdige und nachhaltige Wirtschafts- und Lebensweise. Wirtschaftliche Entwicklung soll nach denselben Werten gestaltet werden, die auch menschliche Beziehungen gelingen lassen, ein gutes Leben für alle fördern und zudem bereits in der Verfassung demokratischer Staaten verankert sind: Solidarität, Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit, Demokratische Mitbestimmung und Transparenz. Seit 2010 wird der angestrebte Transformationsprozess von einem gewinnorientierten Wirtschaftssystem hin zu einem werteorientierten Wirtschaftssystem von der gleichnamigen internationalen Bewegung vorangetrieben. Unter den weltweit knapp 9.000 UnterstützerInnen finden sich rund 2.000 Unternehmen, darunter auch Bildungseinrichtungen. In Europa gibt es bereits 350 Pionierunternehmen, die zukunftsfähige Maßnahmen als Beitrag zum Gemeinwohl in der eigenen Organisation umsetzen.

In der Wirtschaft geht es oft um Erfolg. Wann ist ein Unternehmen erfolgreich?

Unbegrenztes Wachstum als Erfolgsformel des Kapitalismus stößt nicht nur auf ökologische sondern auch an soziale Grenzen. Die Vision der Gemeinwohl-Ökonomie lautet dagegen: Je treuer Unternehmen gegenüber den oben angeführten Werten wirtschaften, desto leichter sollen sie zum Erfolg kommen. Um zu erreichen, dass ganzheitlich verantwortlich handelnde Unternehmen als erfolgreich eingestuft werden, muss sich jedoch zunächst das Erfolgsverständnis in der Wirtschaft ändern.
Auf volkswirtschaftlicher Ebene wird der Wohlstand einer Gesellschaft durch das Bruttoinlandsprodukt ausgedrückt, das für eine tatsächliche Bemessung aber unzulänglich ist. Auf Unternehmensebene berichtet die jährliche Finanzbilanz über den Erfolg beziehungsweise Misserfolg und drückt dies in bloßen Zahlen aus.
Für die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein Unternehmen umso erfolgreicher, je größer sein Beitrag zum Gemeinwohl ist. Finanzgewinn ist nur mehr Mittel, nicht Zweck des Wirtschaftens. Ziel ist also nicht das Geld, sondern eine zukunftsfähige Wirtschafts- und Lebensweise für alle.

Mit Ethik zum Erfolg!

So gewinnen auch soziale Einrichtungen an „wirtschaftlicher“ Bedeutung, da sich der Erfolg anhand alternativer Kriterien wie z.B. innerbetriebliche Demokratie, Arbeitsplatzqualität, Transparenz oder ökologische Nachhaltigkeit bemessen lässt. Das Herzstück des Modells ist die Gemeinwohl-Matrix, die als Basis für die Gemeinwohl-Bilanz als Instrument zur Messung des Erfolgs eines Unternehmens dient. Die Matrix versucht eine strukturelle Integration von Nachhaltigkeit in Organisationen, indem sie die oben genannten Werte in Beziehung zu wirtschaftlichen, politischen UND gesellschaftlichen Prozessen setzt.  Dabei wird der Blick auf das Wesentliche geschärft: den Beitrag der wirtschaftlichen Performance zum Gemeinwohl.
Eine Gemeinwohl-Bilanz wird auf Grundlage einer umfassenden systemischen Betrachtung aller Aktivitäten unter den Aspekten Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Transparenz erstellt, und es werden sämtliche Berührungsgruppen des Unternehmens gezielt mit einbezogen.

Pioniere eines gesellschaftlichen Wandels

Immer mehr Unternehmen hinterfragen das jetzige Wirtschaftssystem und kommen zu der Einsicht, dass es nicht zukunftsfähig ist. Sie sehen sich selbst als Pioniere und Teil der Transformation, die für eine lebenswerte Zukunft notwendig ist, und möchten nicht nur als Individuum, sondern auch als UnternehmerIn dafür Verantwortung übernehmen.
Sie wünschen sich eine demokratische Wirtschaft, eine sozialere Wirtschaft mit weniger Ungleichheit, eine ökologisch nachhaltigere Wirtschaft ohne Wachstumszwang, eine solidarische Wirtschaft mit mehr Kooperation statt Konkurrenz und eine regionalere Wirtschaft mit weniger Globalisierung.
Für Unternehmen ist der Bilanzierungsprozess der Auftakt zu dieser wertorientierten Veränderung, die sowohl die Bedürfnisse der Organisation als auch aller ihrer Berührungsgruppen berücksichtigt.

„Ich bin ein verantwortungsvoller Unternehmer“ – und zeig´s auch gern her!

Viele Unternehmen wollen heute beweisen, dass sie in ihrem wirtschaftlichen Tun neben der monetären Verantwortung auch gesellschaftliche und ökologische Verantwortung übernehmen – und allen zeigen, wie gut sie darin sind. Nachhaltigkeitsberichte, Integriertes Nachhaltigkeitsmanagement, Corporate Social Responsibility, Fair Trade uvm. sind Begriffe, die in der heutigen Wirtschaft immer populärer werden. Es gilt jedoch, genauer zu beleuchten, was sich hinter den (außen)wirksamen unternehmerischen Maßnahmen verbirgt.
So hatte z.B. die zu REWE gehörende österreichische Lebensmittelkette BILLA am 8. Dezember (Maria Empfängnis: österreichischer Feiertag) geschlossen, obwohl die Ladenöffnung gesetzlich erlaubt ist, um zu zeigen, dass auf die Work-Life-Balance ihrer MitarbeiterInnen Rücksicht genommen wird. Sind solche Konzernentscheidungen bloße PR-Maßnahmen oder handelt es sich dabei um echtes verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln?
BP gab insgesamt 200 Millionen Dollar aus, um sich mit „Beyond Petroleum“ als klimafreundliches, nachhaltig handelndes Unternehmen zu präsentieren. Nur bleibt die Tatsache, dass die Nutzung fossiler Brennstoffe alles andere als umweltfreundlich und klimaverträglich ist, davon unberührt.
Was sich tatsächlich hinter der grünen Etikette verbirgt, bleibt in vielen Fällen verborgen. Doch wie lässt sich dieses von jenem unterscheiden? Woran erkennt der/die EndverbraucherIn, ob er/sie ein Produkt kauft, hinter dem sich verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln verbirgt, und wie glaubwürdig sind die Unternehmen?
Diese Frage ist schwer zu beantworten. De facto existiert kein idealer Markt, wo allen MarktteilnehmerInnen alle Informationen transparent dargelegt werden. Tatsächlich werden Produkte häufig nachhaltiger dargestellt, als sie sind, oder Unternehmen betreiben gezielt „greenwashing“, indem sie sich einen umweltfreundlichen und verantwortungsvollen Touch verleihen.

Der Gemeinwohl-Bericht beleuchtet ganzheitlich

Der Weg zu einer zukunftsfähigen Werteorientierung in der Wirtschaft erfordert eine ganzheitliche Betrachtung auf allen Ebenen und eine Integration aller Teilaspekte. Nachhaltiges verantwortungsvolles Wirtschaften lässt sich nicht an vereinzelten Maßnahmen festmachen.
Der Gemeinwohl-Bericht versucht deshalb, den Blick auf das Ganze zu richten und aufzuzeigen, welche Auswirkungen eine wirtschaftliche Tätigkeit auf die Umwelt, den Menschen, zukünftige Generationen und den sozialen Zusammenhalt hat. Die Bilanz zeigt differenziert, in welchen Bereichen bereits ein Beitrag zum Gemeinwohl geleistet wird und wo noch Entwicklungspotentiale liegen. Dahinter verbergen sich Fragen wie jene, ob die Produkte ein Grundbedürfnis oder ein reines Luxusbedürfnis befriedigen, wie ökologisch sie hergestellt werden, wer die Entscheidungen im Unternehmen trifft, wie menschenwürdig die Arbeitsbedingungen sind, wie gerecht die Erträge im Unternehmen verteilt werden oder wie viele Transportkilometer sich hinter einem Produkt verstecken.
Die Bewegung entwickelt gerade ein Produktlabel, das die Gemeinwohl-Performance eines Unternehmens sichtbar machen soll. Produkte sollen mit einem QR-Code versehen werden, der direkt auf die detaillierte Gemeinwohl-Bilanz des Unternehmens führt. Dadurch hat der/die EndverbraucherIn Zugang zu allen Informationen und kann auf einer soliden Grundlage selbst entscheiden, ob er/sie ein Produkt kaufen möchte oder nicht.

 „Warum lohnt es sich für eine/n UnternehmerIn, soziale und ökologische Verantwortung zu übernehmen?“

Unternehmen, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen, haben sowohl innerbetriebliche als auch außenwirksame Vorteile.

Innenwirkung

Die Bilanz erweist sich in der Praxis als ein 360° Organisationsentwicklungsinstrument und ermöglicht es den Unternehmen, mehr über sich und ihre Tätigkeitsfelder zu erfahren. Sie kann Impulse zu einer nachhaltigen Werteentwicklung geben – vom globalen Einkauf und der Produktentwicklung über den Umgang mit MitarbeiterInnen bis zu einer ethischen Finanzierungsstrategie.
Die Praxis hat gezeigt, dass der Bilanzierungsprozess die Motivation der MitarbeiterInnen stärkt, wodurch die Identifikation mit dem Unternehmen und dem Team steigt, Fluktuationen abnehmen und langfristige kooperative Beziehungen entstehen. Ebenso steigt die Qualität der Zusammenarbeit mit KundInnen und LieferantInnen.

Außenwirkung

Durch die Gemeinwohl- Bilanz wird der unternehmerische Beitrag zum Gemeinwohl erst sichtbar und für Interessierte auffindbar – etwa über das beschriebene Produktlabel.
Unternehmen, die sich zu einer werteorientierten Entwicklung verpflichten, werden als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen, was den Recruiting- und Auswahlprozess
verbessert.
Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie setzt stark auf Kooperationen. Diese können von Wissensaustausch und gemeinsamer Entwicklung über kooperatives Marketing bis hin zu einer bewussteren Auswahl von Arbeitskräften oder Aufträgen reichen.

„Selbst wenn ich als Unternehmer sozial und ökologisch verantwortlich handle, muss ich trotzdem Gewinne machen.“

Transparenz reicht nicht aus. Die Bewegung setzt sich dafür ein, dass der unternehmerische Beitrag zum Gemeinwohl und zur breitflächigen Etablierung einer ethischen Wirtschaft auch mit Marktanreizen und rechtlichen Vorteilen gewürdigt wird. Langfristig soll der Gesetzgeber Gemeinwohlstreben in der Wirtschaft fördern und Anreize für gute Gemeinwohl-Bilanzen schaffen. Dafür werden differenzierte Steuersätze, Zolltarife und Kreditkonditionen angestrebt. Die ersten Schritte in diese Richtung haben das Land Südtirol und eine spanische Gemeinde gemacht: Sie werden gemeinwohl-bilanzierte Unternehmen im öffentlichen Einkauf fördern.
Der Gewinn als Mittel soll nicht abgelöst werden, aber nur dann verwendet werden, wenn er dem eigentlichen Zweck dient, dem Gemeinwohl und einem guten Leben für alle.

So könnte es aussehen ...

Wenn zum Beispiel ein deutsches Unternehmen in China unter horrenden Arbeitsbedingungen produzieren lässt, nur um Kosten zu sparen, würde aufgrund der miserablen Gemeinwohl-Bilanz der Eintrittspreis in den europäischen EndverbraucherInnenmarkt so hoch sein, dass die Kostenersparnis aufgefressen wird. Deshalb würde sich das Unternehmen vielleicht eher entscheiden, im eigenen Land produzieren zu lassen, was sich wiederum positiv auf die regionale Wirtschaft auswirken würde,  klima- und umweltfreundlicher wäre und miserable Arbeitsbedingungen in Billigproduktionsländern nicht länger unterstützen würde.
Unternehmen können ihre Verantwortung als „corporate citizens“ oder „company citizens“ wahrnehmen und an der Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft – an einer demokratischen Wirtschaftsordnung – mitwirken.
Konkrete Arbeitsfelder sind aktuell die EU-Richtlinie über nichtfinanzielle Berichterstattung, die EU-Vergaberichtlinie und die Außenhandel-Strategie der EU (TTIP,CETA,WTO).

Ein demokratisch gewählter Wirtschaftskonvent

Die Gemeinwohl-Ökonomie möchte die Politik unterstützen, die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Wirtschaften von Gewinnmaximierung und Kon(tra)konkurrenz langsam auf Gemeinwohlstreben und Kooperation umzupolen. Dafür sollte ein direkt gewählter, demokratischer Wirtschaftskonvent ins Leben gerufen werden, dessen Souverän Vertretungspersonen aus verschiedenen Bereichen wählt und diese direkt über bestimmte Punkte abstimmen lässt.
Auf einer ersten Stufe könnten in einem „kommunalen Wirtschaftskonvent“ die Themen der Gemeinwohl-Ökonomie diskutiert und politisch aufbereitet werden – anfangs auf der kleinsten repräsentativen politischen Ebene, der Gemeinde. Der Wandel beginnt mit der Entwicklung eines echten „Souveränsbewusstseins“.
Ehe ein solches Konvent installiert wird, möchte die Bewegung allerdings umfassende Vorarbeit leisten und durch die Einbindung von immer mehr Unternehmen die repräsentativsten und treffendsten Gemeinwohl-Kriterien benennen, damit sich verantwortungsvolles, ökologisches, kooperatives und demokratisches Verhalten in der Wirtschaft in Zukunft mehr lohnt als rücksichtsloses, nicht nachhaltiges und unethisches Verhalten.

Es braucht ein Gleichgewicht zwischen ethischem Angebot und ethischer Nachfrage.


Die gewinn- und wachstumsgetriebene kapitalistische Doktrin hat in der Gesellschaft eine Sinn- und Wertekrise erzeugt, weil sie „Erfolg“ ausschließlich in monetären Größen bemisst, die nichts über Lebensqualität, Menschenwürde oder Mitbestimmung aussagen.
ProduzentInnen und KonsumentInnen lassen sich genauso wenig getrennt voneinander betrachten wie Wirtschaft und Gesellschaft. Es reicht nicht, wenn sich die ProduzentInnen dazu entscheiden, nachhaltig und verantwortungsvoll zu wirtschaften, solange sie keine AbnehmerInnen finden.
Ein kollektives Umdenken muss vor allem auch bei den EndverbraucherInnen stattfinden. Durch unser Konsumverhalten tragen wir eine genauso große Verantwortung wie die Unternehmen. Hier braucht es noch sehr viel Bewusstseinsbildung. Das Erfolgsrezept für einen Wertewandel und eine wirtschaftliche, soziale und politische Transformation sind gelingende Beziehungen.
Unsere Freiheit, einen beliebigen Lebensstil zu wählen, endet dort, wo sie die Freiheit anderer Menschen beschneidet, denselben Lebensstil zu wählen oder auch nur ein menschenwürdiges Leben zu führen. Unternehmen und Privatpersonen sind dazu angehalten, ihren ökologischen Fußabdruck zu messen und auf ein global gerechtes und nachhaltiges Niveau zu reduzieren.
Die Gemeinwohl-Ökonomie fungiert als Brücke – vom Alten zum Neuen. Sie stellt sicher, dass entlang der gesamten Wertschöpfungskette Bewusstseinsarbeit für nachhaltige Entwicklung auf Grundlage derselben Werte stattfinden kann.