Georg Spitzer, Wien, 1987

Georg Spitzer, Wien, 1987

Das Fremde als Grenzgänger – Gedanken zu Anita Pichlers Textvignette „Der Tod“

Siegrun Wildner: „Der ständige Begleiter“

Jeder Mensch, jede Kultur bewegt sich in bestimmten Grenzen, in einer vertrauten, selbst geschaffenen Ordnung. So könnte man meinen. Vielleicht aber möchte man dies auch nur, weil Geordnetes und Begrenztes das Leben überschaubarer und einfacher erscheinen lassen. Wäre da nicht noch das Unvertraute, das Ungewisse, das man nicht ordnen und nicht verorten kann. Dieses Fremde, das keine Grenzen kennt, das in alle Bereiche des wahrnehmbaren Lebens eindringt, sich aber nicht fassen und dingfest machen lässt, steht im Mittelpunkt von Anita Pichlers Text „Der Tod“ in ihrem Prosazyklus „Beider Augen Blick“.

„Was ich begrenzen kann, fürchte ich nicht“, konstatiert das sprechende Ich in diesem Text und macht sich auf die Suche nach erkennbaren Grenzen, will selbst Grenzen ziehen zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen Leben und Tod. Doch jeglicher Versuch, abzugrenzen, einzugrenzen oder auszugrenzen, erweist sich als schier unmögliches Unterfangen. Warum? Wer oder was ist dieser Tod?

Anita Pichler schickt das Ich auf Erkundung, und eines wird schnell klar: Der Tod, dieses Fremde, ist allgegenwärtig. Er ist der ständige Begleiter, den das Ich immer bei sich weiß, mit dem es unterwegs ist und mit dem es gleichzeitig ins Ziel kommt. Er kennt die Gedanken des Ichs und macht sich in seinem Gefühlsleben breit: dasselbe Lachen, dasselbe Staunen, dasselbe Schaudern, dieselbe Angst. „Das, was wir tun, ist nicht zu unterscheiden“, heißt es, und trotz dieser Nähe bleibt der Tod bedrohlich und unergründlich fremd.

So taucht er überall dort auf, wo es schmerzvolle Abschiede gibt, für die der Mensch keine Erklärung findet: beim Weinen um die zwei toten Neugeborenen, beim Verlust des Großvaters, bei der Trauer um den verstorbenen Geliebten. „Angst und Schaudern“ begleiten ihn, was letztlich nicht verwundert, denn „alle Katastrophen und Massaker, alles Grauen und Entsetzen, alle Zufälle und Unfälle“ werden seinem Namen unterstellt, er wird „zum Herrn aller Zeiten und Formen“. Zu Unrecht jedoch wird er für all die Kalamitäten auf der Welt verantwortlich gemacht. Er ist es nicht, der die Maschinenpistole feuert, der die Handgranate wirft, die Atombombe bastelt. Er ist es nicht, der die Kriege plant und sie aufs Grausamste ausführt. Der Tod, er kleidet die Menschen nur in Trauer. Er liebt nicht, er hasst nicht, er trauert nicht, er begreift nicht. Er unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, zwischen Herrschaft und Knechtschaft, zwischen Hell und Dunkel.

Er braucht diese Grenzziehungen der Menschen nicht, mit denen wir unsere Erfahrungswelt sinnstiftend strukturieren wollen: räumlich, zeitlich, moralisch-ethisch. Er braucht auch keine Zeit, keine Richtung, keine Freiheit. Wer keine Grenzen kennt oder anerkennt, braucht sich ihnen nicht zu unterwerfen, geht über sie hinweg. Er braucht keine Begrenzungen, denn er muss nichts ordnen und nichts messen. Er stellt nur Bedingungen, „er ist das Maß, das zum Messen nicht taugt.“

Es ist leichter zu sagen, was der Tod, dieses vertraut anmutende Fremde, nicht ist. Doch damit gibt sich das Ich in Pichlers Text nicht zufrieden. Hartnäckig sucht es dieses Fremde, will es dingfest machen, sich „ein Bild von ihm machen“, es be-greifen, auch im Sinne von „verstehen“. Der Tod ist spürbar, muss also da sein: „Immer weiß ich ihn bei mir: und doch habe ich kein Bild von ihm.“ Kann man sich denn ein Bild vom Tod machen? Oder philosophisch nach dem Transzendenten gefragt: Lassen sich jenseits der sinnlichen Erfahrung und ihrer Gegenstände Vorstellungen bilden? Lässt sich die Erfahrungswelt überhaupt überschreiten? Solche Fragen lenken die Aufmerksamkeit auf die Entstehungsgeschichte von Pichlers Text.

Den Anstoß für die literarische Erkundung von Grenzen gab laut Angaben der Autorin die Betrachtung des Bildes „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ (Öl auf Leinwand, nach 1920) des russischen Malers Kasimir Malewitsch. Ganz im Zeichen des von ihm begründeten Suprematismus versucht der Künstler durch den Verzicht auf Wiedergabe gegenständlicher Motive, eine elementare geometrische Formensprache zu finden. So wird das schwarze Quadrat auf dem weißem Grund der Leinwand durch seine absoluten Formen zur „Erfahrung der reinen Gegenstandslosigkeit“, die damit allen Betrachtern – unabhängig von ihren kulturell oder ethnisch geprägten Vorstellungsmustern – zugänglich sein soll. Erprobt Anita Pichler in ihrem Text die literarische Umsetzung dieser „Erfahrung der reinen Gegenstandslosigkeit“ durch den Versuch, den Tod – oder das, was der Mensch als Tod bezeichnet, einzufangen, abzugrenzen, zu erfassen?

Zweimal im Text setzt sich das Ich Grenzgeschehnissen aus, um sich ein Bild zu machen von dem scheinbar Vertrauten und doch so Fremden. Wie kann man sich den Tod vorstellen? Wie bei dem Bild von Malewitsch bemüht Pichler Schwarz-Weiß-Kontraste, um Nicht-Sichtbares besser sichtbar zu machen, doch mit radikaleren Folgen. Während Malewitsch noch absolute Formen wahrnehmen lässt, sind solche – wie alles andere auch – im Ineinander von Schwarz und Weiß in Pichlers Text für das Subjekt nicht mehr erkennbar. Beginnt die Fremdheit im Ich?

Als das Ich zum ersten Mal in Grenznähe des Todes kommt, schimmert dieser „weiß im Röntgenbild“, in dem sich das Ich selbst nicht erkennt, oder ist irgendwo „im weißen Licht der Blitze“, wo das Ich lebt, „zwischen Dunkelheit und Dunkelheit“. Man kann ihn nicht fassen, nicht erfassen, berichtet das Ich, und bei der zweiten Grenzerfahrung auf der Suche nach „seinem Bild“ am Ende des Textes erfährt der Leser, warum das so ist. „Im weißen Grund“ löst sich alles auf, alle Ränder, Konturen und potenziellen Bilder von diesem Fremden, irgendwann einmal vielleicht sogar das Ich selbst. Und übrig bleibt, so scheint es, nur mehr „der dunkle Hintergrund der Welt“ als stummer Zeuge dieses unfassbaren Nichts.

Univ.-Prof. Dr. Siegrun Wildner
University of Northern Iowa, USA

 

Vita Siegrun Wildner: Siegrun Wildner ist seit 1998 Professorin für German Studies (Schwerpunkte Literatur- und Kulturwissenschaft) an der University of Northern Iowa, USA. Veröffentlichungen in den Bereichen Neuere deutschsprachige Literatur, feministische Studien, Literatur und Ethnizität.