ERINNERUNG

AUSGABE NR.6 2018

In der Erinnerung lebt das Vergangene fort. Es prägt uns in intimer Weise in Gestalt unserer persönlichen Geschichte, die uns als Individuen eigen ist. Es prägt uns jedoch ebenfalls in Form eines kulturellen Gedächtnisses und wirkt als solches, vermittelt durch Bilder und Geschichten auf die Art und Weise, wie wir uns gegenwärtiges und zukünftiges Geschehen erklären. Derart kommt uns die Erinnerung nicht immer als solche zu Bewusstsein, sondern wirkt als verselbstverständlichte Voraussetzung. Auch der Stoff unserer persönlichen Erinnerung stellt sich uns oftmals nicht als bloßes Datenmaterial vergangener Erfahrung dar, sondern rumort in uns, ist emotional durchwirkt, schreibt sich als Reizmuster in den Leib ein. Die Spuren eines solchen unbewussten Fortlebens der Erinnerung zeigen sich vermutlich am deutlichsten in der Symptomatik des Traumas.

Erinnerung dient uns zur Orientierung und zur Warnung, sie weckt Sehnsucht und erzeugt das Bedürfnis, sich abzugrenzen. Erinnerung vollzieht sich immer als ein Selektionsprozess, nicht nur im individuellen Sinne, sondern auch im kollektiven. Sie ist ein Aneignungsvorgang unter Gesichtspunkten der Nützlichkeit der Geschichte für unsere Gegenwart. Wenn wir dieserart das Vergangene erinnern, handelt es sich zumeist um ordnende Narrative, mit deren Hilfe wir versuchen, eine komplexe Wirklichkeit verstehbar zu machen. Gleichwohl bedarf es aktiver Reflexionsanstrengung, den Erinnerungsprozess und Auswahlvorgang ans Licht zu bringen.

In der sechsten Ausgabe von 39NULL setzen wir uns mit den verschiedenen Facetten der Erinnerung auseinander. Wir erzählen Geschichten von vergessenen Erinnerungsorten und solchen, an denen die Erinnerung schwer wiegt, vom Vergessen und Nicht-vergehen-Wollen, von schlimmen sowie hoffnungsvollen Erinnerungen, ihrem Nutzen und dem Versuch ihrer Verdrängung.